Helene Bukowski

Wer möchte nicht im Leben bleiben

Roman
Cover: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Claassen Verlag, Berlin 2026
ISBN 9783546101585
Gebunden, 384 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Du sitzt im Übungszimmer, stürzt dich in die Revolutionsetüde, hämmerst mit aller Gewalt auf den Flügel ein, zerlegst den Raum und explodierst wie Leuchtfeuer am Himmel. Später stehst du auf dem Gang, bist brav, still, lächelst. Deine Wut findet nurin den Noten Platz. Deine Wut ist ein dressierter Bär. Ich strecke die Hand aus.Christina besucht die Spezialschule für Musik in Berlin, ihr wird eine große Zukunft als Pianistin in der DDR vorausgesagt. Sie studiert am Tschaikowski- Konservatorium in Moskau. Doch kurz nach ihrer Rückkehr nimmt sie sich das Leben. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.03.2026

Tief beeindruckt bespricht Rezensentin Cathrin Kahlweit dieses Buch, in dem sich Helene Bukowski einem realen Leben annähert, nämlich dem einer hochbegabten Pianistin, die nach einer beruflichen Demütigung in jungen Jahren Selbstmord beging. Im Buch heißt die Hauptfigur Christina und wird von Bukowski direkt angesprochen, behutsam schildert die Autorin nicht nur das Leben der Protagonistin, sondern überlegt auch, wie dieses anders hätte verlaufen können. Berührend ist dieser Roman nicht zuletzt, findet Kahlweit, weil Bukowski ihre eigene Erzählstimme immer wieder thematisiert und sich darüber Gedanken macht, wie sie verhindern kann, Christina ebenso scheußlich zu behandeln, wie andere Leute sie damals behandelt haben. Christinas Leben führt sie von Neubrandenburg über Berlin nach Moskau, wobei sich Bukowski glücklicherweise mit politischen Analysen zurückhält und ganz auf der persönlichen Ebene verbleibt. All das ergibt ein ausgesprochen starkes Buch über ein beengtes Leben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026

Rezensent Jan Brachmann nennt Helene Bukowskis literarische Annäherung an das Leben und Sterben einer jungen Pianistin aus der DDR gekonnt. Besonders gefällt ihm wie still und diszipliniert die Autorin sich diesem fremden Leben über Quellen wie Fotos, Kassetten und Aufzeichnungen als Mischung aus Dokumentation und Projektion nähert und dabei mit ihrem eigenen Leben als Künstlerin verschneidet. Sichtbar werden für Brachmann Strukturen einer Leistungsgesellschaft wie Probleme mit der Einsamkeit künstlerischen Schaffens gleichermaßen. Ohne den Freitod der Pianistin zu dramatisieren, getragen von "zärtlich kühler" Zuneigung, gelangt Bukowskis laut Brachmann zu einer einfühlsamen, mitunter verspielten Darstellung eines tragisch verlaufenden Lebens. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026

Die Erzählerin in Helene Bukowskis Roman "Wer möchte nicht im Leben bleiben" rekonstruiert aus einem Nachlass das Leben der Klavierschülerin Christina, geboren 1961 in Leipzig, die ein Musikinternat an der Berliner Mauer besucht, in Moskau studiert und unter dem DDR-Drill sowie dem Zwang zu parteitreuer Musikinterpretation zerbricht. Bemerkenswert und einfühlsam erzählt findet das Rezensent Timo Posselt, vor allem wegen der Du-Form, mit der sie Lücken und Zweifel offenlege und Parallelen zur eigenen Nachwendeidentität ziehe. So wird aus biografischer Recherche eindrucksvolle Literatur über ostdeutsche Prägung, lobt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.03.2026

Für Kritikerin Carola Ebeling steht Helene Bukowskis neuer Roman ganz zurecht auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse: Hauptprotagonistin ist die Pianistin Christina, die mit 24 Jahren Suizid begangen und die real in der DDR gelebt hat. Es gibt eine große Nähe zwischen der Autorin und ihrer Erzählerin, die Christinas Geschichte im Nachlass der Großmutter entdeckt, so Ebeling: Sie wird vom selbst in diesem Metier gescheiterten Vater in die Musik gebracht, geht auf eine Spezialschule und aufs Konservatorium in Moskau, lesen wir. Die Musik ist dabei laut Ebeling peinigend und rettend zugleich, mit Naturmetaphern beschreibe Bukowski, wie sich die Töne "zu dunklen Felsen" zusammenschieben und dann vom "Meer überspült" werden. Die starke Wirkung des Buches ergibt sich für die Rezensentin gerade dadurch, dass die Autorin auch Leerstellen aushält, auf ihre eigene Distanz zum Geschilderten hinweist und gerade trotz ihrer Zweifel an der schriftstellerischen Gestaltung dieses Lebens einen höchst empathischen Ton anschlägt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2026

Rezensentin Jolinde Hüchtker ist beeindruckt von diesem Roman und seiner wagemutigen, radikalen Erzählweise. Helene Bukowski nähert sich darin dem Leben einer Frau namens Christina, die 1961 in der DDR geboren wird, als Klaviergenie aufwächst, später in einem Konservatorium in Moskau landet und im Alter von 25 Jahren Selbstmord begeht. Das Buch ist in der zweiten Person verfasst, das heißt Bukowski spricht Christina direkt an, wenn sie nachzeichnet, wie sie die Musik, von ihrem Vater früh ins Klavierspiel initiiert, als Naturgewalt erlebt und sich später in der Leere Moskaus verloren fühlt. Das Besondere an diesem Buch ist laut Hüchtker, dass Bukowski ihre eigene Erzählerstimme nicht versteckt und deutlich ausstellt, wie viel an dieser Lebensbeschreibung, wiewohl sie auf einer realen Biografie beruht, Erfindung ist. Teilweise wehrt sich Christina gar gegen die Übergriffigkeit der Romanschriftstellerin - deutlich wird dadurch, dass Schreiben auch ein Akt der Gewalt sein kann. Erstaunlicherweise wirkt dadurch, freut sich die sehr angetane Rezensentin, die Hauptfigur dadurch nur umso authentischer.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.03.2026

Die Protagonistin von Helene Bukowskis drittem Roman, die Pianistin Christina, gerät in die "institutionellen Mahlwerke" der DDR, an denen sie letztlich zerbricht, schildert Rezensentin Wiebke Porombka. Feinsinnig, zart, tastend berichtet Bukowskis Erzählerin, die Porombka mit der Autorin in eins setzt, davon, wie sie in einem Nachlass auf die Geschichte des Mädchens stößt. Die Rezensentin betont, wie vorsichtig Bukowski mit der realen Vorlage Christina umgeht und ihre eigene Erzählerin immer wieder zurücknimmt, um der Figur größtmögliche Freiheit zu lassen. Besonders lobt sie das poetische Erzählen über das Erzählen selbst und die eindringlichen Szenen aus Musikinternat und Studium, in denen sich Kunst und systematische Demontage hart gegenüberstehen. Den Titel liest Rezensentin Porombka als bitteren Kommentar auf ein System, das Gemeinschaft predigt und doch einzelne zerstört, aber auch als Zeichen für Bukowskis feinsinnigen, nie simplen Blick. 

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