Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Am 6. September 1966 bringt Demitrios Tsafendas im Parlamentsgebäude von Kapstadt den Premierminister Hendrik Verwoerd mit vier Messerstichen ums Leben. Der Attentäter wird überwältigt und inhaftiert, der Mord offiziell als die Tat eines Psychopathen hingestellt. Den Rest seines Lebens wird Tsafendas in einer geschlossenen Anstalt verbringen. Rückblickend aber fragt man sich, wer verrückter war: der Mörder oder sein Opfer - die Tat oder die Politik der Rassendiskriminierung? Demitrios Tsafendas ist eine schillernde Figur: Im Laufe seines Lebens arbeitet er als Dolmetscher, Schweißer, Straßenhändler, Bettelmönch. Er beherrscht zahlreiche Sprachen, eine Zeit lang gibt er sich sogar als "Professor für Englisch" aus. Aber als Sohn eines Griechen und einer schwarzen Mosambikanerin gilt er als "Bastard" - nicht schwarz, nicht weiß.
Henk van Woerdens "Der Bastard" hat Rezensent Karsten Kredel sehr beeindruckt. In seiner "aufregenden und berührenden biografischen Reportage" rekonstruiert der niederländische Autor die Geschichte von Demetrios Tsafendas, der im Jahre 1966 den damaligen Premierminister von Südafrika, Hendrik Verwoerd, "brillantester Ideologe der Apartheid", ermordete, berichtet Kredel. Wie er ausführt, war die Sache damals "beruhigend klar", man war sich einig, dass das Attentat kein politisches Motiv hatte, sondern die irre Tat eines Verrückten war - so entging Tsafendas der Verurteilung, wurde in eine geschlossene Anstalt weggesperrt und vergessen. Doch van Woerden, der als junger Erwachsener Südafrika verließ und erst 1989, als de Klerk der Apartheid abschwor, zum ersten Mal zurückkehrte, gibt sich damit nicht zufrieden, hält Kredel fest. Er stelle Fragen: Woher kommt die allgegenwärtige Brutalität? Was ließ einen harmlosen Sonderling wie Tsafendas zum Mörder werden? Van Woerden verschränkt Kredel zufolge Tsafendas Geschichte mit seinen eigenen Erinnerungen sowie Berichten aus der Gegenwart zu einer "behutsam tastenden und bewusst subjektiven Geschichtserzählung" und zeichnet damit zugleich die "Psychopathologie eines ganzen Landes" nach.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 14.11.2002
Der Rezensent Andreas Eckert zeigt sich in seiner kurzen Notiz hochzufrieden mit diesem zeitgeschichtlichen Buch. Die Geschichte eines südafrikanischen "Bastards", der "den Weißen zu schwarz und den Schwarzen zu weiß" ist und der am 1966 den südafrikanischen Präsidenten Hendrik Vorwoerd ermordet hatte, zeichne der niederländische Schriftsteller in einer "faszinierenden 'poetischen Chronik'" nach. Der Buchautor schildere eindringlich das Schicksal des längst vergessenen Mörders, und er "verknüpft diese Geschichte mit einem Bericht über seine Recherchen in Südafrika".
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…