Krisen und Krisengerede gehen Hand in Hand und bedingen einander: Ohne Krisendiagnostiker, Krisenmanager und Krisenszenarien kein Krisenbewusstsein. Der Sammelband analysiert die Wechselwirkung von Krisendiskursen und Krisenwahrnehmung und leistet so die kritische Reflexion eines (allzu) geläufigen Erklärungsmusters. "Wir leben provisorisch, die Krise nimmt keine Ende". Die Diagnose, die Erich Kästners Fabian 1931 stellte, hat nichts an Aktualität verloren. Krisen sind allgegenwärtig, die Rede von der Krise ist in aller Munde: militärische und religiöse Krisen, außenpolitische und sportliche, Schaffens- und Wirtschaftskrisen, Midlife- und Männlichkeitskrisen, ganz zu schweigen von Verfassungs-, Renten-, und Opernkrise. Die Allgegenwart von Krisendiskursen, die unser gesteigertes Krisenbewusstsein begleiten und formen, ruft nach kritischer, auch historischer Reflexion. Angesichts dieses epidemischen Befundes fragt der Sammelband, welche diskursiven Prozesse hinter dem verkürzten und inflationär gebrauchten Krisenbegriff ablaufen, welche der ursprünglichen Bedeutungsebenen und Assoziationen inmitten der Geläufigkeit des Erklärungsmusters "Krise" verschüttet worden sind.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2007
Kai Wiegandt hat mit Interesse diesen Sammelband über Krisen und Krisendiskurse gelesen. Der aus dem Medizinischen stammende Begriff "Krisis" lässt sich nicht von seinem Diskurs abtrennen, denn die Krise ist ohne ein Reden über sie nicht existent, erklärt der Rezensent als Ergebnis der Lektüre und er bemerkt eingenommen, dass die Beiträge, die Krisen von der Antike bis zur Gegenwart unter die Lupe nehmen, der Komplexität des Themas gerecht werden. Insbesondere die erzähltheoretische Analyse von Krisen, die Hayden White in seinem Beitrag vornimmt, bietet sich deshalb laut Rezensent an. Unter anderem enthält der Band dann noch Untersuchungen von Eckhard Lobsien zum Wandel des Krisenverständnisses im Neuen Testament, der Häufung der Krisenerfahrung im 20. Jahrhunderts von Ansgar Nünning und Überlegungen von Heinz Ickstadt zum 11. September 2001 als Krise, fasst Wiegandt zusammen, der insgesamt zufrieden mit dem aus einer Berliner Ringvorlesung hervorgegangenen Sammelband scheint.
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