Möwen sind Vögel der Hoffnung und des Schreckens. Sie verkünden auf hoher See den rettenden Hafen ebenso wie den tödlichen Sturm. In den Werken der Alten Meister deuteten sie den Weltuntergang an, der sich nicht erst heute im Wechsel von Dürren und Wolkenbrüchen zeigt, und als Die Möwe Jonathan haben sie Generationen von Kindern unterhalten. Der Autor, Dramaturg und Regisseur Holger Teschke folgt den Zügen dieses weiß-grauen Vogels, von dem es heute 55 bekannte Arten gibt, einmal rund um den Globus. Denn Möwen haben sich an beinahe alle Lebensräume der Welt angepasst, und so finden sie heute nicht nur in Häfen und an Küsten, sondern immer öfter auch im Binnenland ihre Nist- und Brutplätze, wohin sie die karge Nahrung der überfischten Meere verdrängt. Selbst in Berlin brüten sie schon auf den Dächern über der Stadt. Und dann ist da noch der Seemannsaberglaube, der besagt, dass die Seelen toter Seeleute in Möwen ihr zweites Quartier finden. Von Möwen lernen heißt also, sich zu erinnern lernen. Wer einer Möwe aufmerksam in ihre Pupillen blickt, der wird erkennen, dass nichts und niemand sie aufhalten wird.
Rezensent Frank Meyer lässt sich von Holger Teschke nicht nur für allerhand ornithologische Fakten über Möwen begeistern. Gelockt, wie Meyer schreibt, von Teschkes "elegantem, sanft-ironischen" Ton folgt der Rezensent dem ehemaligen Fischer, später Theater-Regisseur, Schriftsteller und immer Möwen-Enthusiasten durch dessen sonderbare Lebensgeschichte, erzählt anhand verschiedenster Begegnungen mit den Seevögeln - in der Realität, wie in der Kunst. Sehr zugute kommt Teschkes Buch und damit auch Meyer, nicht nur die Sachkenntnis des Autors, sondern auch seine große Liebe zur Literatur - so ziehen nicht nur die bekannten Vögel aus Melvilles "Moby Dick" an ihm vorüber, sondern auch die Möwen aus den Gedichten Christian Morgensterns etwa oder Sarah Kirschs, mit deren Zeilen aus "Juninovember" der Rezensent denn auch kontemplativ seine Rezension beschließt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2024
Mit "Möwen" hat Holger Teschke ein kulturhistorisch bewandertes Buch geschrieben, von dem allerdings keine ornithologischen Kenntnisse zu erwarten sind, findet Rezensent Kai Spanke. Der auch im Fischfang auf See und in der Theaterdramaturgie erfahrene Autor beschäftigt sich dabei in allerlei Exkursen - etwa zu den Corona-Maßnahmen 2020, Tschechows "Möwe" und Morgensterns "Möwenlied" - mit diesen Vögeln, von denen es, bemerkt der Rezensent, 52 Arten gibt. An einem sorgfältigen Umgang mit wissenschaftlichen Befunden zu den Tieren lässt er es Spanke zufolge bisweilen vermissen; etwa die räumliche Verbreitung der Silbermöwe werde falsch angegeben. Die Kombination kulturgeschichtlicher Daten mit eigenen Erlebnissen ist in diesem Sachbuch, so der Rezensent, allerdings gut gelungen.
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