»Reichtum vergeht, aber Armut lebt fort« - so ein russisches Sprichwort: Eine umfassende Geschichte der Bettelei und Armut in Russland. Hubertus Jahn hat unterschiedlichste Quellen ausgewertet: theologische Texte und Reisebeschreibungen, Verhörprotokolle der Polizei, schöngeistige Literatur und Malerei, ethnografische Erhebungen und eigene Erfahrungen im spät- und postsowjetischen Russland. Besonderes Augenmerk gilt der Repräsentation von Bettlern in den Quellen, also der 'sozialen Imagination' derer, die diese Quellen produziert haben. Damit hebt sich die Arbeit ab von üblichen Sozialgeschichten. Auch die alltäglichen Lebensumstände von realen Bettlern finden ausgiebig Beachtung und vermitteln dem Leser ein Gefühl für die Besonderheiten des Bettelns in Russland.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010
Der alte russische Name für Bettler: "ubogi", übersetzt heißt das: "bei Gott". Soll heißen: Das Ansehen der Bettler war nicht das Schlechteste, bis dann Peter der Große kam und das "Herumstreunen" (offenbar aber nicht mit dem durchschlagendsten Erfolg) verbot, auf der anderen Seite Armenhäuser einrichten ließ für all jene, die ihr Brot nicht aus eigener Kraft verdienen konnten. Hubertus F. Jahn schildert in seiner Studie einerseits Maßnahmen aus der russischen Geschichte wie diese. Er stellt auch fest, dass sich vom Betteln im 19. Jahrhundert durchaus recht respektabel leben ließ, bis hin zu Extremfällen wie dem der angeblich "armen Pilgerin" Alexandra Boljaka, die es durch Betrug zum "Luxusleben" gebracht haben soll. Mindestens ebenso interessant wie die sozialstatistischen Informationen findet die Rezensentin Kerstin Holm jedoch das eindrucksvolle Bildmaterial, etwa vom "russischen Goya" Iwan Jemenjow.
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