"Was würdest du machen, wenn du heute ein Junge wärst?" - "Ich würde vielleicht mit dir einen kleinen Boxkampf veranstalten. Oder ich würde mir ein schönes Kleid anziehen..." Ein Junge in einem Kleid? Rot und mit einem tiefen Ausschnitt? Was würden die anderen dazu sagen? Jo im roten Kleid ist die Geschichte eines coming out, die Geschichte eines neuen Helden, der viel Mut aufbringen muss, um er selbst zu sein. Jens Thiele hat Jo mit Scherenschnitten und Collagen in eine Welt gesetzt, die ihn wütend verfolgt, ihm aber auch mit liebevoller Bewunderung begegnet. "Mal ehrlich", fragt der ungläubige Zuhörer, "das alles würdest du machen, wenn du heute ein Kind wärst?" "Das habe ich damals gemacht, als ich ein Kind war." Ausgezeichnet mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendliteraturpreis 2003.
Für Rezensent Otto Brunken ist es eine löbliche Ausnahme von der Regel, dass sich der "führende deutsche Bilderbuchtheoretiker" Jens Thiele auch um die praktische Umsetzung seiner Theorien bemüht. Und was die Bildkomposition von Thieles Kinderbuch angeht, überschlägt sich Brunken fast vor Lob: Er preist den "innovativen Bildstil", spricht von "großer Ausstrahlung und erzählerischer Darstellungskraft", die Thiele mit seiner Collagen-Technik erreiche, und freut sich über "wirkungskräftig" und "raffiniert" arrangierte Anspielungen. Auch der erzählten Geschichte - der introvertierte Junge Jo findet hier zum selbstbewussten Umgang mit den "weiblichen Komponenten seines Selbst" - kann Brunken viel abgewinnen. So sei das Buch mehr als nur "eine bloße Coming-Out-Geschichte", sondern vielmehr eine echte Ermutigung, "sein Anderssein zu leben". Aber im Gegensatz zu den Bildern, die er ausführlich bespricht, lässt die Sprache den Rezensenten eher "enttäuscht" zurück. Brunke bemängelt besonders das "Holzschnittartige der Dialoge" und das generell zu simple Sprachniveau.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.06.2004
Der Rezensent Michael Schmitt findet den optischen Eindruck dieses auch thematisch ehrgeizigen Buches - es geht um Geschlechtergrenzen und deren Überschreitung - richtig "überwältigend". Nur mit der inhaltlichen Umsetzung ist er nicht ganz zufrieden. Die Sprache findet der zu "lapidar" und auch die Skizzierung der Charaktere ist "allzu reduziert auf die eine existentielle Funktion, die sie in der Geschichte zu übernehmen haben" und gleichzeitig zu "vage". In Anbetracht der extrem gelungenen Bebilderung - besonders gefällt dem Rezensenten die visuelle Übersetzung der Spannungszustände, die diese Selbstfindungsgeschichte begleiten - überwiegt in seinen Augen dennoch der positive Eindruck: "Es zeigt eine Vielfalt von Formen und Farben, die Seite für Seite von dynamischen Linien eingefangen, gegliedert und zusammengefügt werden."
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