Das Echo der Zeit
Die Musik und das Leben im Zeitalter der Weltkriege

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2024
ISBN
9783608965865
Gebunden, 464 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Dieter Fuchs. Jeremy Eichler schildert die dramatischen Lebenswege und die revolutionären Werke von vier der bedeutendsten musikalischen Genies des 20. Jahrhunderts: Richard Strauss, Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch und Benjamin Britten. Er lässt uns miterleben, wie sie die Erfahrungen der totalitären Epoche in ihren Schöpfungen verarbeiteten - und ein unvergängliches Zeugnis ablegten, das wie ein Echo in unsere unmittelbare Gegenwart hineinhallt.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 02.11.2024
Ziemlich begeistert bespricht Rezensentin Katharina Granzin dieses sowohl inhaltlich als auch sprachlich herausragende Buch. Jeremy Eichler beschäftigt sich darin mit der Frage, wie große Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Geschichte interagierten, insbesondere das Verhältnis ihrer Musik zur Shoah spielt dabei eine Rolle. Ein zentrales Werk ist für Eichler offensichtlich, so Granzin, Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau", das in New Mexiko uraufgeführt wurde, weil der ursprüngliche Auftraggeber kalte Füße bekam. Granzin rekonstruiert andere Beispiele Eichlers, der zwecks Recherche oft auch die Orte aufsucht, an denen die Musik, um die es geht, entstand. Schostakowitsch und Benjamin Britten spielen eine Rolle, heißt es unter anderem, aber auch Richard Strauss, der sich zeitweise den Nazis andiente, wobei Eichler, wenn es um persönliche Verantwortung geht, stets differenziert argumentiert. Ein großartiges, von Dieter Fuchs kongenial übersetztes Buch ist das, schließt Granzin, eines, das nicht zuletzt zeigt, wie wichtig jüdische Künstler für die Geschichte der deutschen Kultur waren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2024
Was kann die Musik den größten Greuel der Geschichte entgegensetzen? Für Kritikerin Corina Kolbe führt Jeremy Eichlers Buch deutlich vor Augen, wie Werke der klassischen Musik mit ihrer Fähigkeit zur Synthese von "Gefühl und Intellekt" zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Historie führen. Es geht dabei um Werke die die Schrecken der Shoah und des Krieges behandeln: Jeremy Eichler unterzieht vier Kompositionen von Richard Strauss, Arnold Schönberg, Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch einem "deep listening." Schostakowitschs 13. Symphonie ist der Erinnerung an das Massaker von Babin Jar gewidmet, die 14. ist inspiriert von Brittens "War Requiem", das sich wiederum an Gedichten von Wilfred Owen orientiert und die Kriegslogik der Aufopferung hinterfragt, erfahren wir. Schönberg war als Jude selbst bedroht, seine Musik, die das Warschauer Ghetto zum Thema hat, konnte dennoch zunächst nicht an den großen Bühnen aufgeführt werden, selbst den amerikanischen Theatern war das zu heikel, so Kolbe. Die Lektüre macht die Historizität von Musik und ihre Fähigkeit, "zu riesigen Archiven des öffentlichen Gedächtnisses" zu werden, schließt die überzeugte Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2024
Andreas Meyer folgt dem Musikkritiker Jeremy Eichler bei dessen Erkundungen historischer Spuren des gewalttätigen 20. Jahrhunderts in großen musikalischen Werken. Dass Musik ein besserer Erinnerungsort sein kann als ein Denkmal erfährt Meyer in diesem "fesselnden" Buch. Fasziniert und bewegt zeigt sich Meyer von der besonderen Perspektive auf die Musikgeschichte, die Eichler anbietet. Mit großem Forschungswissen und unter Einbezug von Zeitzeugengesprächen, weniger von musikalischen Analysen, schafft der Autor laut Meyer überraschende Verbindungen, etwa von Britten und Schostakowitsch, die im Buch für einen "kosmopolitischen Humanismus" stehen, und erzählt die Aufführungsgeschichte von Schostakowitschs Symphonie "Babi Jar". Im zweiten Teil des Buches, wenn es um Brittens "War Requiem" geht, gelingen dem Autor zudem Bezüge zur Gegenwart, konstatiert Meyer.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 27.06.2024
Rezensent Alexander Cammann hat diesen "musikalischen Thriller" geradezu verschlungen. Der Kritiker gibt erstmal zu: "dunkler und schwerer" geht es fast nicht mehr. Denn Jeremy Eichler setzt sich damit auseinander, wie die Komponisten Richard Strauss, Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch und Benjamin Britten den Schrecken des 20. Jahrhunderts in ihrer Musik verarbeitet haben, Britten beispielsweise in seinem "War Requiem". Aber diese Zeitreise, die Historisches mit Anekdotischem verbindet, ist so packend geschrieben und zum Bersten gefüllt mit interessanten Geschichten, das der Kritiker das Buch nur mit Nachdruck empfehlen kann.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.06.2024
Rezensent Helmut Mauró schätzt Jeremy Eichlers Buch für seinen Detailreichtum und die gute Kenntnis der zugrundeliegenden Quellen, zeigt sich aber von dessen Versuch, vier Kompositionen des 20. Jahrhunderts als "Mahnmale gegen Krieg und Holocaust" darzustellen, nicht ganz überzeugt. Bei Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau", Dmitrij Schostakowitschs "Babi Yar" und Benjamin Brittens "War Requiem" scheint Mauró diese Argumentation des Musikkritikers des Boston Globe noch eingängig. Abgesehen davon, ob Musik im Allgemeinen eine solche Intentionalität zuzuschreiben sei, wirft jedoch Eichlers Platzierung der "Metamorphosen" von Richard Strauss in diesem Kontext für den Rezensenten einige Probleme auf: Denn dabei werde vorausgesetzt, dass Strauss eine Schuld, die er aufgrund seiner Verstrickung in den nationalsozialistischen Kulturapparat trage, durch die Schaffung seines Musikstücks abzutragen suche. Dass diese Schuld besteht, wird von Eichler, so Mauró, weniger argumentativ belegt als suggeriert und durch poetische Anleihen nahegelegt. Lesenswert dürften allerdings zumindest die drei anderen Teile von Eichlers musikwissenschaftlicher Studie sein, denen sich der Rezensent nicht ausführlich widmet.