Johannes Franzen

Wut und Wertung

Warum wir über Geschmack streiten
Cover: Wut und Wertung
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN 9783103976205
Gebunden, 432 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Wer einmal erlebt hat, wie der eigene Lieblingsfilm heruntergemacht wurde, oder wer einen Verriss des Lieblingsbuchs gelesen hat, der kennt das tiefe Gefühl des Unwillens, das eine solche Attacke herausfordert. Empört möchte man widersprechen, den Roman oder den Film verteidigen - und damit auch sich selbst. Johannes Franzen sieht im Streiten über Geschmack eine wichtige Kulturtechnik und versammelt eine Fülle von Kontroversen und Skandalen aus der Literatur-, Film- und Musikszene von "Madame Bovary" bis "Breaking Bad", von "Lolita" bis Till Lindemann. Und er analysiert, warum wir in Bezug auf Romane, Songs, Computerspiele oder Serien starke Emotionen wie Begeisterung und Wut, Liebe und Scham entwickeln und warum Konflikte über diese Gefühle so wichtig und produktiv sind.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.11.2024

Interessiert bespricht Steffen Martus Johannes Franzens Buch über die Wertungswut des Kulturpublikums zum Beispiel auf Social Media. Franzen schreibt über die Zusammenhänge von gesellschaftlichen und ästhetischen Fragestellungen entlang von Themen zwie Themen wie Trotz, Schadenfreude und Populismus, unterfüttert offensichtlich durch eine ausgiebige Twitter-Rezeption. Die großen Namen der Kulturtheorie spielen keine so wichtige Rolle, wobei Franzen laut Martus eher bei Bourdieu als bei Adorno andockt, wenn er rekonstruiert, dass der Kulturbegriff der westlichen Moderne, der auf elitärem Kunstgenuss und einer eingeforderten Bereitschaft zur Langeweile basiert, derzeit dabei ist, zu kollabieren. Stattdessen würden heute Unterhaltung und politische Relevanz eingefordert. An solche Thesen anschließend stellt Martus Überlegungen zur Allgegenwart von Geschmacksentscheidungen an, die von manchen als Zwang erlebt werden. Der Rezensent fühlt sich von Franzens Buch angeregt, weitere Überlegungen anzustellen zu Themen wie dem digitalen Kapitalismus und der Funktionsweise modischer Trends in der Politik.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.10.2024

Ganz überzeugt ist Rezensent Michael Wolf nicht von Johannes Franzens Buch über den Geschmack. Wobei Wolf die zentralen Thesen, die der Literaturwissenschaftler Franzen formuliert, durchaus wohlwollend zusammenfasst und mit dem Autor ausführt, dass Geschmack deshalb oft zum Streitthema wird, weil die Frage, welche Bücher, Filme und so weiter einem gefallen, sowohl am Selbstkonzept des Einzelnen rührt als auch auf feine gesellschaftliche Unterschiede verweist. Wolf geht auf einige der Beispiele Franzens ein und merkt an, dass der Autor vielleicht etwas zu gnädig mit der Fankultur umgeht, der nach Meinung des Rezensenten die Distanz zu ihrem Gegenstand fehlt. Schwerer wiegt für ihn ein anderer Kritikpunkt: Franzen legt in seinem Buch nicht dar, was Kunst ist und was nicht, und kann deshalb auch nicht erklären, warum er selbst zwar über Geschmacksfragen in Bezug auf Bücher und Filme schreibt, nicht jedoch über andere Bereiche der Alltagskultur wie etwa Mode und Essen, in denen Geschmack schließlich gleichfalls eine wichtige Rolle spielt, kritisiert Wolf. Insgesamt fehlt ihm in diesem Buch eine soziologische Perspektive.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2024

Rezensentin Marianna Lieder findet Johannes Franzens Buch zur Meinungsbildung über Kunst einerseits zwar ausgesprochen kurzweilig: So kann sie sich durchaus an der bunten Mischung aus unterhaltsamen Analysen zu Goethe, den Fan-Gemeinden von Taylor Swift, Publikums- und Kritikerbeschimpfungen, guilty pleasures oder dem Zusammenhang von Kunst und Macht erfreuen, die der Literaturwissenschaftler hier liefere - ganz im Zeichen des Anliegens, ein versnobtes Hochkultur-Paradigma auszuhebeln, wie Lieder wiedergibt. Besonders lobenswert scheinen ihr die Passagen zu den hitzigen Geschmacksdebatten in der Online-Welt, weil sich der Autor hier weder einer grundsätzlichen Verteufelung noch einer "Verherrlichung der Schwarmintelligenz" verschreibe. Allerdings gerät ihr die Selbstverständlichkeit, mit der Franzen seine anti-elitistische Stoßrichtung zum Sonderfall "nobilitiere", obwohl er damit in einer langen Tradition stehe, etwas arrogant; und die Permanenz, mit der er gegen das sogenannte "moderne Kunstparadigma" anschreibe, findet sie letztlich "zu einseitig". Ein teils differenziertes und anregendes, teils auch etwas prätentiöses Buch, meint die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024

Rezensent und Literaturwissenschaftler Adrian Daub scheint intelligent zu finden, wie Johannes Franzen über Kunst und das Streiten darüber schreibt. Der Germanist und Internetfeuilletonist habe sich, erklärt Daub, mit seinem Schaffen zwischen zwei Polen positioniert, die er auch in diesem Buch in Balance halte: Einerseits das Feuilleton mit seinem (selbst erhobenen) Anspruch darauf, zwischen guter und schlechter Kunst unterscheiden zu dürfen, andererseits die Streitkultur im Internet mit (Anti-)Fangruppen und diversen anderen Formen der Positionierung. Dass Franzen sich keinem der beiden Pole ganz verschreibe, sondern sie auf komplexe Weise "zueinander in Beziehung" setze, sich dabei weniger der logischen Struktur des Geschmacksurteils à la Kant widme als dem "Wie" der Äußerung, scheint der Kritiker für gelungen und vor allem im Kontext der derzeitigen Präsenz von "Fan-Obsessionen" für interessant zu halten. Ein "äußerst lesbares", dabei selbst nie endgültig urteilendes, sondern die jeweiligen Prämissen kritisch befragendes Buch, lobt Daub.

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