Jon Fosse

Morgen und Abend

Roman
Cover: Morgen und Abend
Alexander Fest Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783828601130
Gebunden, 120 Seiten, 14,88 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Die Geschichte eines Fischers, der nach einem erfüllten Leben in einem norwegischen Fischerdorf stirbt...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.07.2002

Für Hermann Wallmann ist dieser Roman des Norwegers Jon Fosse "ein wunderbares kurzes Buch über Geburt und Tod". Erzählt wird hier laut Wallmann allerdings gar nicht, sondern vielmehr verkörpert. Mit seinen beiden Teilen verkörpert das Buch das Zur-Welt-Kommen und Abtreten eines Mannes. Fosse, oft für seinen Naturalismus gerühmt, erhält von Wallmann die Weihen zum Musiker, der einen "Raum zwischen Stummheit und Sprache" beherrscht; die Gegenständlichkeit von Musik werde auch in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel hörbar. Dass der Autor nicht bloß so naiv erzählt "wie ein Volkslied", sondern auch so raffiniert, belegt Wallmann mit einem Hinweis auf Fosses "hinreißend scharfsinnigen und begriffsscharfen" Briefwechsel mit Jan Kjaerstad, in dem der Autor sein auf der metonymischen Figuration basierendes poetologisches Konzept niederlegt. Dieses Bauen auf eine nachgerade "körperlich" wirkende Verschiebung, erklärt Wallmann, macht Fosse zwar nicht unbedingt zu einem im herkömmlichen Sinn zeitgenössischen Autor, aber zu einem, der sich der Zeitgenossenschaft stellt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.01.2002

Andreas Breitenstein ist ziemlich enttäuscht von dem Roman, der Geburt und Tod eines norwegischen Fischers schildert. Zwar ist er durchaus beeindruckt, wie "frontal" der norwegische Schriftsteller und Dramatiker auf sein Thema zusteuert, und er lobt ihn für seine Fähigkeit, das "traumhaft Schwebende" dieser existentiellen Zustände zu fassen. Doch insgesamt sei das Ganze "hart an der Grenze zum Eigentlichkeitskitsch", moniert der Rezensent, der zudem die "auktoriale Erzählerposition" dem Gegenstand gänzlich unangemessen findet. Er vermisst vor allem ein Bewusstsein für das "Darstellungsproblem" der vorbewussten Zustände von Tod und Geburt und beurteilt den Roman insgesamt etwas abfällig als "allzu sentimentales Trostbüchlein". Abschließend bemerkt er spöttisch, das "größte Geheimnis" des Buches sei die nicht nachvollziehbare Kommasetzung, und das sei doch wohl für ein Buch über die großen Fragen der menschlichen Existenz etwas dürftig.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.12.2001

Als das richtige Buch zur "falschen" Zeit bezeichnet Verena Auffermann diesen kleinen Roman des Norwegers Jon Fosse. "Richtig", das heißt für sie: Klar geschrieben, "weit entfernt von den Wellness-Sorgen um handgenähte Berluti-Schuhe" und so kurz wie weise. Zur "falschen" Zeit, das bedeutet, dass der Inhalt des Buches zur Zeit "keine Chance" hat. Er erreicht uns nicht. Auffermann aber hat er immerhin insofern erreicht als sie das Thema der Zeit im Buch anhand zweier einander entgegengesetzten Kreisbewegungen verfolgen konnte: "den schnell kreisenden Eintritt des Menschen in die Welt und seinen langsam rückwärts drehenden, von Bildern und Reflexionen überblendeten Abschied". Wie Fosse ("ein formaler Ästhet") das stilistisch, etwa "durch das Hinschreiben gedehnter, gestotterter, aus den Worten gefallener einzelner Buchstaben", arrangiert, findet die Rezensentin schlicht großartig. "Eine noch so gut geführte Kamera wäre seiner Erzähltechnik hoffnungslos unterlegen" (!). Ein Buch, so schließt Auffermann beglückt, "es gehört nicht in unsere Zeit und passt doch genau zu ihr".
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