Aus dem Spanischen von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs, neu durchgesehen von Gisbert Haefs. Seine Erzählungen gehören zum Faszinierendsten, was Jorge Luis Borges geschrieben hat. Mit "Universalgeschichte der Niedertracht" betrat der Erzähler Borges 1935 die literarische Bühne, "Fiktionen" und "Das Aleph" festigten seinen Ruhm. Heute ist kein Leserleben denkbar ohne "Die Bibliothek von Babel". Geschichten über Mörder, Betrüger, Piraten, Hochstapler oder Messerstecher stehen psychologischen Studien, phantastischen Erfindungen und literarischen Kabinettstücken gegenüber. Seine Erzählungen öffnen Türen zu paradoxen Welten, in denen sich das Universum in einem Punkt, ein Leben in einem einzigen Gedanken oder ein ganzes Schicksal in einer Entscheidung verdichtet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.04.2026
Der große Einfluss von Jorge Luis Borges auf die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts ist nicht zu bestreiten, umso schöner, findet Kritiker Hernán Caro, dass der Kampa Verlag nun alle seine Erzählungen in einem Band herausbringt, von denen viele zu den berühmtesten Texten der "literatura fantástica" zählen. Caro empfiehlt die chronologische Lektüre, die "Enwicklungslinien" in Borges' Schreiben nachvollziehbar macht, die ersten Erzählungen erinnern ihn mit ihren Themen zwischen Betrug und Piratendasein an Drehbücher, später kommen dann Texte wie "Das Aleph", die auf die typische Borges-Art Literatur, Philosophie und Mathematik verbinden. Mit der Lektüre ließe sich auch mit einigen Mythen um den Autor aufräumen, so der Rezensent, seine Geschichten haben zwar viele Bezüge zu Europa, setzen sich aber genauso mit "uruguayischen Bauern" oder chinesischen Mythologien auseinander, auch unemotional ist er nicht, wie das Kreisen um Einsamkeit dem Kritiker zeigt. Pflichtlektüre, befindet Caro.
Rezensent Maximilian Mengeringhaus freut sich, dass Jorge Luis Borges' Erzählungen nun gesammelt auf Deutsch vorliegen, als Auftakt einer großen Werkausgabe. Herausgegeben wurde die neue Ausgabe von Gisbert Haefs, der bereits für den Hanser-Verlag Borges übersetzt hatte und nun seine eigene Arbeit noch einmal durchgesehen hat. Meisterstücke der kurzen Form hat Borges jede Menge geschrieben, hier ist ein Großteil davon in einer neuen Ausgabe versammelt, in chronologischer Reihenfolge. Dadurch kann man, freut sich der Rezensent, die Entwicklung zahlreicher Motive nachvollziehen, auf die Borges häufig zurückkomme, außerdem offenbaren sich dem Rezensenten strukturelle Parallelen zwischen einzelnen Erzählungen. Immer wieder brilliere Borges als postmoderner Autor avant a lettre, etwa wenn er in "Pierre Menard, Autor des Quijote" einen fiktiven Autor eine neue Version des "Don Quijote" schreiben lasse, die wortwörtlich der Vorlage gleiche. Ein metatextuelles Spiel, das, so Mengerinhaus, viele Nachahmer fand, längst nicht nur in Lateinamerika. Auch Borges' Hang zur Kunstsprache, die ihren Ausgangspunkt bei Soziolekten zum Beispiel von Gangstern nimmt, beschreibt Mengeringhaus ausführlich. All das ergibt ein unglaublich reichhaltiges, einfallsreiches, hyperreflexives Werk, das der Rezensent wirklich jedem zur Lektüre empfiehlt.
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