Lew Borissowitsch Kamenew (1883-1936) war ein Bolschewik der ersten Stunde, lernte schon früh Stalin kennen und wurde enger Mitarbeiter Lenins. Als Mitglied in den Führungsorganen der Partei geriet er Ende der 1920er Jahre als Exponent der linken Opposition in die innerparteilichen Konflikte, verlor seine Partei- und Staatsämter und wurde im ersten Stalin'schen Schauprozess 1936 hingerichtet. Jürg Ulrich zeichnet in dieser ersten deutschsprachigen Biografie anhand des revolutionären Journalismus und der Publizistik Kamenews dessen politisches Leben nach. Mit Rückgriff auf die wissenssoziologische Arbeit von Ludwik Fleck über die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv von 1935 ordnet er das politische Denken und Handeln Kamenews in die charakteristische intellektuelle Haltung der Berufsrevolutionäre des Lenin-Kreises ein, die für sich als "esoterisches" Kernkollektiv ein ausgeprägtes Avantgardebewusstein in Anspruch nahmen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2007
Lobend äußert sich Ulrich M. Schmid über Jürg Ulrichs Biografie des "gemäßigten Bolschewiken" Lew Kamenew (1883-1936). Er würdigt die peniblen Recherchen und die fundierte Darstellung des Autors, der aus seiner Sympathie für den stets moderaten und geduldigen Politiker und Revolutionsführer keinen Hehl mache. Dabei hebt Schmid hervor, dass Ulrich auch bei Kamenew das Grundübel der bolschewistischen Politik keineswegs verkennt: Wie Stalin habe Kamenew an die Existenz einer objektiven Wahrheit geglaubt und keine "Abweichungen" geduldet. Gleichwohl kritisierte er Stalin und wurde deswegen in einem Schauprozess zum Tod verurteilt. Schmid unterstreicht Ulrichs Akzentuierung der Verdienste Kamenews, seinen couragierten Einsatz für die Abschaffung der Todesstrafe, für den Parteienpluralismus und für die Verfassungsmäßigkeit politischen Handelns.
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