Über kaum eine Frau des 18. Jahrhunderts sind derart einhellige und zahlreiche positive Äusserungen überliefert wie über Julie Bondeli. Das Interesse an der hochgebildeten Bernerin, die das Zentrum verschiedener Salons sowie intellektueller Zirkel bildete und eine umfangreiche Korrespondenz mit zahlreichen Gelehrten des In- und Auslands ihrer Zeit unterhielt, brach denn auch nie ab. Einblick in dieses atypische Frauenleben einer Femme de lettres des 18. Jahrhunderts gewähren die von Julie Bondeli geschriebenen Briefe, die literarische, philosophische und ästhetische wie auch naturwissenschaftliche, ökonomische, gesellschaftspolitische und medizinische Fragestellungen behandeln. Von 1759 bis 1777 unterhielt Bondeli einen intensiven Briefwechsel mit zahlreichen gebildeten Frauen und Männern. Sie korrespondierte unter anderem mit Jean-Jacques Rousseau, Christoph Martin Wieland, Marie Sophie La Roche, Johann Georg Zimmermann, Leonhard Usteri, Suzanne Necker-Curchod, Johann Caspar Lavater und Elie-Salomon-François Reverdil.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2012
Einblicke in die Lebenswelt des Berner Patriziats um 1750, Einblick auch in die Diskurse des gelehrten Europas und schließlich eine Ahnung davon, wie schwer es eine emanzipierte Frau selbst der privilegierten Oberschicht zu jener Zeit hatte, gewinnt Urs Hafner anhand der von Angelica Baum, Birgit Christensen und Andreas Bürgi edierten Briefe der Philosophin Julie Bondeli. Die sehr individuelle Rechtschreibung Bondelis und ihr Berner Französisch halten Hafner nicht davon ab, sich mit den schnörkellos, wie er schreibt, und hilfreich kommentierten Texten, Briefe an Sophie La Roche, Lavater und Christoph Martin Wieland zu befassen. Sogar mit Rousseau korrespondierte Bondeli! Dass sonst nichts Schriftliches von ihr erhalten ist, bedauert Hafner. Bondelis in ironischem Ton vorgetragene frühaufklärerisch-sensualistische Position scheint ihm gefallen zu haben.
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