"Ich gehe auf den Maidan. Wer kommt mit?", schrieb der ukrainische Journalist Mustafa Najem im November 2013 auf Facebook. Aus einer lokalen Demonstration gegen die autokratische Entscheidung des Präsidenten Viktor Janukowytsch, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen, wurde eine landesweite Protestbewegung: der Euromaidan. Mehr als hundert Menschen wurden getötet, als der friedliche Protest in Gewalt umkippte. "Euromaidan" steht für die Hoffnung auf Erneuerung der ukrainischen Gesellschaft. Für eine nachgeholte Revolution. Für den Alptraum eines neuen Ost-West-Konflikts. Wird es sie geben: eine freie, selbstbestimmte Ukraine an der Seite Russland und Europas? Schriftsteller, viele von ihnen Aktivisten, erzählen von den aufwühlendsten Tagen ihres Lebens. Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler versuchen sich an einer Anatomie des Augenblicks.
Als Einstieg für den Sammelband über die Ereignisse auf dem Maidan empfiehlt Sonja Margolina den Beitrag des amerikanischen Historikers Timothy Snyder, da dieser, wie sie schreibt, das schiefe Bild der Revolution zurechtrückt. Hilfreich sind hier laut Margolina Snyders Rekonstruktion von Hintergründen und Ablauf der Krise in der Ukraine sowie die Beschäftigung mit der Korruption Janukowitschs. Derart gerüstet liest die Rezensentin die anderen Texte im Band, die sich mit der Ukraine und Europa oder mit dem Verstehen Russlands befassen. Was Schriftsteller, Übersetzer, Politologen und Historiker wie Juri Andruchowytsch, Anton Schekhovtsov, Katja Petrowskaja oder Katerina Mischenko über Parteiattrappen, geopolitische Interessen Russlands und die emotionale Gestimmheit der jungen Leute auf dem Maidan zu berichten haben, scheint Margolina höchst lesenswert und aufschlussreich.
Juri Andruchowytsch herausgegebenen Band über die Situation in der Ukraine scheint Katharina Granzin sehr erhellend. Neben persönlichen Reportagen mit eingehenden Augenzeugenberichten über die Ereignisse auf dem Maidan findet sie in dem hochaktuellen Buch eine Reihe von Essays und Hintergrundanalysen. Besonders schätzt sie die Fähigkeit der Autoren und Autorinnen, persönlich Erlebtes mit allgemeinen Beobachtungen zu verbinden. Granzin lobt namentlich die Texte von Katja Petrowskaja, Kateryna Mishchenko und Serhij Zhadan. Beiträge von Osteuropa-Historikern wie Timothy Snyder und Anton Shekhovtsov ergänzen für sie das Bild und verdeutlichen insbesondere die Rolle rechter Gruppierungen. So bietet der Band nach Ansicht der Rezensentin ein beeindruckendes Gesamtbild der Lage in der Ukraine.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.05.2014
Jens Bisky hält das von Katharina Raabe und Juri Andruchowytsch herausgegebene Buch zwar für ein Augenblicksereignis, aber ein wichtiges. Zu den bekannten Nachrichten aus der Ukraine bieten ihm die hier versammelten Texte von Andrzej Stasiuk, Martin Pollack, Timothy Snyder sowie diejenigen der Augenzeugen vom Maidan die nötige persönliche und zeithistorische Grundierung. Dergestalt informiert über Putins Politik und Propaganda, vor allem aber über die Wut und die Leidenschaft der Aktivisten, fragt sich der Rezensent, wie es weitergeht.
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