Die Bedeutung des politischen Skandals für die Normalität der Demokratie kann kaum überschätzt werden. Als Instrument der Herrschaftskontrolle und des Machtwechsels packt der Skandal spontaner und oft wirksamer zu als reguläre Wahlen. Skandale gelten als Beleg für einen Mangel an Moral. Sie selbst sind aber hochmoralische Ereignisse, ja Institutionen. Über Enthüllung, Entrüstung und Sühne entfesseln sie einen Sturmwind moralischer Gefühle, vor dem Wirtschaft und Politik in die Knie gehen. So bezeugen und bestärken Skandale die Macht der Moral, deren Fehlen sie beklagen. Gäbe es keine Skandale, müßten sie erfunden werden.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.12.2002
Der upj. zeichnende Rezensent scheint dieses Buch des Frankfurter Soziologen Karl Otto Hondrich recht beruhigend gefunden zu haben. Hondrich zeichne eine Sittengeschichte der politischen Skandale, die immer schneller aufeinander folgen würden. Das aber ist für den Autor offenbar kein Anlass zur Aufregung, erklärt unser Rezensent. Denn wenn ein politischer Skandal auf den anderen folgt, wird er irgendwann zu einer "verlässlichen Größe", einem "Signum für die ewige Wiederkehr des Gleichen". Und darin, so scheint es, liegt für den Rezensenten das Beruhigende dieser Phänomenologie.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.09.2002
Frank Böckelmann zeigt sich nicht wirklich überzeugt von Karl Otto Hondrichs "Phänomenologie des politischen Skandals". Wie Böckelmann ausführt, hat der Skandal für Hondrich eine positive gesamtgesellschaftliche Funktion, insofern er eine politische Selbstreinigung bewirken soll. Die Fähigkeit der Medien und Parteien, Skandale zu inszenieren, wird nach Hondrich dabei "grotesk" überschätzt, erläutert Böckelmann. Entscheidend für die moralische Entrüstung seien hingegen die von vielen geteilten moralischen Gefühle, das kollektive moralische Empfinden. Gegen Hondrich führt Böckelmann mehrere Kritikpunkte an. Zum einen veranschauliche Hondrichs Darstellung von großen Skandalen seine vorangestellte Skandaltheorie nur bruchstückhaft. Den Skandalen Tschernobyl, DDR und Haider etwa mangele es am Merkmal, plötzlich aufgedeckte Missstände zu sein. Des weiteren unterschätzt Hondrich nach Ansicht des Rezensenten die "entpolitisierende Leistung der skandalisierenden Medien". Und schließlich hält Böckelmann nicht das kollektive moralische Empfinden - laut Hondrich die "Supermacht der demokratischen Gesellschaft" - für die "treibende Kraft" hinter der Epidemie der Spenden-, Bestechungs-, Missbrauchs- und Jugendsündenskandale im vereinten Deutschland, sondern schlicht und einfach die grassierende "politische Ratlosigkeit".
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