Die meisten Menschen sind ohne weiteres dazu bereit, andere Menschen zu töten, wenn es ihnen befohlen wird. Das ist die Lehre aus Stanley Milgrams berühmten Experimenten, die ein halbes Jahrhundert nach ihrer Durchführung zum Gegenstand einer wichtigen philosophischen Debatte geworden sind. Im Zentrum steht dabei der Begriff der moralischen Integrität, demzufolge das Verhalten einer Person wesentlich von Faktoren wie Charakter, moralischen Grundsätzen und persönlichen Werten festgelegt wird. Aber wie realistisch ist diese Vorstellung, wenn sich Menschen im entscheidenden Moment offenbar weitgehend von der Situation bestimmen lassen? Hans Bernhard Schmid verteidigt am Beispiel Milgramscher Versuchspersonen die These, daß es jenseits der traditionellen Alternative von Innen- und Außensteuerung die komplexen intersubjektiven Beziehungen sind, die in den jeweiligen Situationen menschliches Handeln bestimmen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 01.11.2011
Der Schweizer Sozialphilosoph Hans Bernhard Schmid hat das berühmte Experiment von Stanley Milgram einer kritischen Prüfung unterzogen und kommt zu Erkenntnissen, die die Vorstellung vom autonom handelnden Subjekt erheblich erschüttern. Diese Einsicht gewinnt Rezensent Mario Schärli bei der Lektüre von Schmids Buch, das darin nachzuweisen sucht, dass Milgrams Experiment, bei dem Testpersonen dazu aufgefordert wurden, vermeintlich schlechten Schülern immer stärkere Stromschläge zu verabreichen, keine selbstständigen Handlungen, sondern vielmehr "Gemeinschaftshandlungen" darstellen. Der Rezensent wertet es als Verdienst der Arbeit, dass der Autor hier das "handlungstheoretische Begriffswerkzeug" für weitere Auseinandersetzungen zum Thema bereitstellt, und sieht hier sehr faszinierend das "aufklärerisch-moderne Selbstverständnis" auf den Prüfstand gestellt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2011
Der Wiener Sozialphilosoph Hans Bernhard Schmid unternimmt hier eine geduldige Relektüre eines klassischen Experiments: Stanley Milgram hatte in den Fünfzigern amerikanische Versuchspersonen dazu gebracht, auf Anweisung ihrer Testleiter anderen Personen (vermeintlich) schwerste Stromstöße zu versetzen. Die gängige Lesart des Experiments nimmt es als experimentelle Bestätigung des autoritären Charakters, sozusagen der Eichmann-Haftigkeit fast aller Menschen. Schmid sieht das anders. An der Künstlichkeit der Situation, meint er, wurden die Versuchspersonen irre. Die Verweigerung des Gesprächs hat sie in eine "paradoxe" Lage versetzt. Sie versuchten, sich in einer "Gemeinschaftspraxis" zu bewähren - eine moralische Deutung, die von dieser absichtsvoll herbeigeführten Zwangslage absehe, sei daher problematisch bis falsch. Der Rezensent Klaus Jarchow zeigt sich von dem Band und seinen "luziden" Argumentationen sehr beeindruckt.
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