Der Band "Montaigne und die Moralisten" vereint Studien von Karlheinz Stierle, in denen die Moralistik als eine literarische Form des riskanten Denkens begriffen wird. Michel de Montaigne hat mit seinen Essais eine offene Form des Nachdenkens über die menschliche Natur gefunden, der Friedrich Nietzsche erstmals den Namen Moralistik gab. Der 'moralistische' Montaigne ist Gegenstand des ersten Teils. Auf der Grundlage von Montaignes experimentierender Menschenkunde verfolgt der zweite Teil die Herausbildung einer "negativen Anthropologie", die der klassischen Literatur des französischen 17. Jahrhunderts ihre Prägung gab. Die Literaturkritik Sainte-Beuves und Nietzsches aphoristische Reflexionen über das Menschliche, Allzumenschliche bekunden die fortdauernde Modernität des moralistischen Denkens, das im 20. Jahrhundert insbesondere von der deutschen Romanistik zu einem eigenen Forschungsgebiet gemacht wurde.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.03.2017
Rezensent Ralf Konersmann kann sich keinen besseren Interpreten für Montaignes Essais vorstellen als den Romanisten Karlheinz Stierle. Zum einen, weil er Stierle als versierten Kenner der Literatur der Renaissance schätzt, zum anderen, weil der Autor die Techniken und Traditionen des Lesens im weitläufigsten Sinne beherrscht, meint der Kritiker. Und so erscheint ihm Stierle als "idealer" Leser der ganz auf "Dialogizität" ausgerichteten, zwischen 1572 und 1592 entstandenen Texte, in denen Montaigne sich mit dem Verhaltensideal der Renaissance und der Moralistik auseinandersetzt. Großartig, wie "wach" und leidenschaftlich sich Stierle den distanzierten Texten widmet, lobt der Rezensent, der hier auch ganz nebenbei viel über Pascal und La Fontaine erfahren hat.
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