Der Auschwitz-Überlebende Joseph Wulf (1912 1974) war in den 1950er Jahren der erste, der in Deutschland Bücher zum Holocaust publizierte. Vor einigen Jahren entspann sich um ihn eine Kontroverse über die frühe bundesrepublikanische NS-Forschung. In ihrem Zentrum stand die Frage, ob die deutsche Zeitgeschichtsforschung nationalapologetisch war und die jüdische Geschichtserfahrung die Perspektive der Opfer systematisch ausklammerte. Klaus Kempter beleuchtet diese Frage anhand von Leben und Werk Joseph Wulfs neu. Er verdeutlicht: Das vorherrschende, durch seinen Suizid 1974 scheinbar bestätigte Bild Wulfs als tragische und gescheiterte Existenz ist zu korrigieren. Wulf war aufgrund seiner Herkunft und seines Lebenswegs ein Außenseiter, doch seine Publikationen trugen wesentlich zur Aufklärung über den Nationalsozialismus bei.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2013
Jörg Später hofft inständig, dass wenigstens Klaus Kempters Würdigung des Pioniers der Holocaustforschung zur rechten Zeit kommt. Schließlich sei Joseph Wulf stets seiner Zeit voraus gewesen, merkt Später an. Die Biografie über den weitgehend Unbekannten besticht für ihn vor allem dadurch, dass der Autor Wulf nicht ausschließlich als Opfer zeigt, sondern ebenso als engagierten, durchaus glücklichen Zeitgenossen. Kempters nuanciertes Bild, so Später, verschweigt allerdings auch nicht Wulfs "Retraumatisierung" im Nachkriegsdeutschland, das neuerliche Gefühl der Isolation und Hilflosigkeit, dem sich der Forscher ausgesetzt sah.
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