Klaus Theweleit

Der Pocahontas-Komplex

Buch 1: Pocahontas in Wonderland. Shakespeare on Tour. Indian Song
Cover: Der Pocahontas-Komplex
Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783878777519
                         , 423 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Band 1 zeichnet die Geschichte der historischen Pocahontas: ihre berühmte Rettung des englischen Capitains vor dem Tod, ihre Hilfe für die Weißen in den ersten Wintern, ihre Geiselnahme 1613, ihre Taufe auf den Namen Rebecca und die Heirat mit dem Pflanzer John Rolfe 1614; die Züchtung des ersten nordamerikanischen Tabaks, der englischen Geschmacksnerven verträglich war. Geburt eines Sohnes Thomas Rolfe, Pocahontas´ Englandreise 1616 und ihren Tod an der Themse 1617. Dann ihre Geschichte als "Urmutter aller Amerikaner", wie die amerikanischen Künste sie in den Jahrhunderten danach entwerfen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.03.2000

Christian Schlüter bespricht in seiner Rezension den ersten und den vierten der auf vier Bände angelegten Reihe Theweleits. Dabei behandelt er weniger die Stärken und Schwächen der einzelnen Bände, sondern beschäftigt sich viel mehr mit dem, was unter dem Pocahontas-Komplex zu verstehen und was Theweleits Ansinnen im Allgemeinen hierbei ist. Der erste Band ist nach Schlüter vor allem als eine historische Einführung in die Thematik zu verstehen, wobei er anmerkt, dass ?die Quellen nicht unbedingt als zuverlässig gelten?. Zum Verständnis scheint es Schlüter unerlässlich, die Geschichte von der Indianerin Pocahontas in Eckpunkten wieder zu geben, weil Theweleit in ihrer (von Captain John Smith erzählten) Kooperation mit den Kolonisatoren den Gründungsmythos der Vereinigten Staaten sieht. Schlüter stellt fest, dass Theweleit sehr weitreichende Folgen damit verbindet. Als Beispiele nennt er nicht nur die Christianisierung und Kolonialisierung, sondern auch die ?optische Dramaturgie des Fortschritts?, die ?Sexualisierung des Opfers, der Gewalt und des Todes? sowie die ?vielfältigen Medialisierungen der Erzählung?. Schlüter findet zwar, dass Theweleits Assoziationen (der Pocahontas-Folgen selbst in Comics, Kinderbüchern, Arno Schmidts Seelenlandschaften, bei Neil Young und Präsident Wilson ausmacht) bisweilen ?an den Aberwitz? heran reichen. Dennoch gelinge es Theweleit, seine Herleitungen stets plausibel zu vermitteln. Wichtig scheint dem Rezensenten darüber hinaus, dass der Autor vor allem deshalb diese ungeheure Fülle an Material zusammen getragen hat, weil es ihm trotz seiner ausführlichen Assoziationen vor allem ?um das historische Material selbst? und weniger um Theorie geht. Ihm sei an geradezu sinnlicher Erfahrung gelegen. Und nicht zuletzt darum ist diese Darstellung für den Rezensenten ?historisch informierte Aufklärung im besten Sinne?.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999

In seiner Rezension beschwert sich Andreas Platthaus, dass Theweleit offensichtlich kein Buch unter tausend Seiten hervorzubringen vermag. Auch Band I und IV des „Pocahontas“-Projekts, die hier zusammen besprochen werden, bringen es zusammen auf 1100 Seiten und sind, so Platthaus, nur eine Einschaltung in dem weitaus größeren „Buch der Könige“. Pocahontas war die Tochter eines Indianerfürsten, die die ersten britischen Siedler in Nordamerika begrüßte, einmal auch rettete und sich taufen ließ. Sie steht, so Platthaus nach Theweleit, am Ursprung aller US-amerikanischen Mythen. Zugleich erzählt Platthaus, wie Theweleit auch Arno Schmidts „Pocahontas“-Roman („Seelandschaft mit Pocahontas“) zu einem Gründungsbuch der westdeutschen Nachkriegszeit machen will. Platthaus findet einige der theweleitschen Ideen offensichtlich anregend, aber er leidet doch sehr an seiner Redundanz: Es stecke zwar viel drin, aber nicht genug für tausend Seiten.
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