Erzählungen in sumerischer Sprache sind die wahrscheinlich ältesten schriftlich überlieferten literarischen Zeugnisse der Menschheit. Die in Sumer im 3. und beginnenden 2. Jahrtausend vor christus verschrifteten Werke vermitteln einen nachhaltigen Eindruck vom Leben der Menschen in diesem Land: davon, wie sie sich mit ihrer natürlichen Umwelt auseinandergesetzt, die Anfänge des Kosmos und des Seins reflektiert und die mythisch-verklärte Vergangenheit rezipiert haben und wie sie mit Freuden und Widrigkeiten des Alltags umgegangen sind. Der Reichtum an literarischen Bildern lässt diese längst vergangene Welt wieder lebendig werden, und die kunstvolle Verknüpfung der einzelnen Motive, die sich immer wieder der modernen Kategorisierung im Sinne definierter literarischer Gattungen entzieht, zeugt von einer großen Gestaltungsfreiheit.
Die hier ausgewählten Erzählungen spannen einen thematischen Bogen zwischen Werden und Vergehen, zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod, Gelingen und Scheitern. Illustrationen von Karl-Heinz Bohny - neben pointierend und verfremdend auf altorientalische Motive aus der Siegelkunst, der Rund- und Reliefplastik zurückgreifenden Bildern auch ganz eigenständige Motive - bringen die zentralen Themen in einen konkreten Bildzusammenhang.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2016
Susanne Klingenstein gerät bei der Besprechung dieses von Konrad Volk herausgegebenen Bandes ins Schwärmen: Die Übersetzungen dieser Sammlung sumerischer Literatur findet die Kritikerin lebhaft und brillant, auch die dem wunderschön gestalteten Band beigefügten Karten Mesopotamiens gefallen der Rezensentin ausgesprochen gut. Vor allem aber zeigt sich Klingenstein ganz begeistert von den gefühlvollen, bewegenden und intensiven Geschichten, die nicht nur zum Interpretieren und Nachdenken anregen, sondern auch Einblicke in die Frühgeschichte des Zweistromlandes gewähren. Wenn die Kritikerin etwa die Erzählung von Etana liest, der beim Versuch, für seine unfruchtbare Frau das Kraut des Gebärens vom Himmel zu holen, abstürzt, erscheinen ihr Dädalus und Ikarus geradezu wie "Frühlingshühner". Nach dem literarischen Ausflug in diesen paradiesischen Landstrich bedauert die Rezensentin umso mehr, was davon heute übriggeblieben ist.
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