Er war ein glühender bayerischer Patriot, tiefgläubiger Jude und leidenschaftlicher Orientalist: Der in Vergessenheit geratene Karl Süßheim hat die Grenzen seiner Zeit herausgefordert wie kaum ein anderer. Er wuchs in Nürnberg auf, lebte als junger Mann lange im Nahen Osten. Sein Tagebuch verfasste er auf Italienisch, Osmanisch und Arabisch. Ob über den Aufbruch der Türkei in die Moderne, die Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg oder den Genozid an den Armeniern: Süßheims Notizen geben einzigartige Einblicke in die Ambivalenzen der deutsch-türkischen Geschichte. An der Universität München unterrichtete er bekannte Wissenschaftler wie Gershom Scholem und Franz Babinger, bis die Nationalsozialisten ihn entließen. 1941 sah der zur Emigration gezwungene Professor Istanbul schließlich wieder: Mit seiner Flucht entkam er in letzter Minute dem Holocaust.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.08.2022
Rezensentin Christiane Schlötzer liest Kristina Milz' Biografie des von den Nazis verfolgten Orientalisten Karl Süßheim mit Spannung. Süßheims Leben gleicht einem Märchen aus 1001 Nacht, nur dass es gut belegt ist, meint Schlötzer. Unter Verwendung von Süßheims Tagebüchern, Briefen und anderen Familiendokumenten entwirft die Autorin laut Schlötzer ein empathisches wie genaues Bild eines Gelehrten und Grenzgängers zwischen den Kulturen. Privates wie die Introvertiertheit des Wissenschaftlers sowie Gesellschaftliches wie die zunehmende Drangsalierung durch das NS-Regime behandelt Milz mit Akribie und Übersicht, so Schlötzer.
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