Stillgelegte Fabriken und aufgegebene Menschen, Megakonzerne und eine reiche Führungsklasse, dahinter ein autoritärer Staat, der unliebsame Oligarchen hinter Gitter bringt widersprüchlich sind die Nachrichten aus der früheren Sowjetunion. Victor Zaslavsky und Lev Gudkov analysieren mit großer Kenntnis und schonungslos das heutige Russland. Der postkommunistische Übergang ist in Russland historisch einzigartig. Anders als in den ostmitteleuropäischen Staaten fand kein nennenswerter Austausch der Führungselite statt. Veränderungen gab es in der Wirtschaft, wo sich eine gewisse Entstaatlichung vollzog, aber dennoch hat der erbitterte Widerstand des militärisch- industriellen Sektors und der Staats- und Parteibürokratie den Übergang zu einer postindustriellen Gesellschaft verhindert. In der Politik hingegen wird eine Rückbildung zum autoritären Staat immer deutlicher. Das heute herrschende Regime setzt auf die Tradition, Großmachtgehabe, einen paranoiden Nationalismus, die Gleichschaltung der Justiz und eine deklarierte orthodoxe Religiosität und fördert eine Atmosphäre des allgemeinen Zynismus und Massenkonsums. Belegt durch reiches Datenmaterial, beschreiben die Autoren den Weg Russlands vom Ende des Kommunismus zur großen Krise 1998, über den Aufstieg Putins bis hin zu Medwedjew. Und sie kritisieren die westlichen Staaten, deren Haltung mehr von energiepolitischen Erwägungen bestimmt wird als dem Drängen auf Einhaltung der Menschenrechte und die so die autoritäre Staatsmacht festigen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.02.2012
Dass sich Russland sehr wohl mit dem Verstand begreifen lässt, lernt der Rezensent, langjähriger Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Moskau, mit diesem von Lev Gudkov und Victor Zaslavsky mit Mitteln der empirischen Sozialforschung verfassten Band. Nach der Lektüre versteht Falk Bomsdorf nicht nur das System Putin besser. Obgleich die jüngsten Ereignisse in Russland von den Autoren gar nicht berücksichtigt werden konnten, erhält Bomsdorf doch auch einen Eindruck von der gesellschaftlichen Gemengelage im postkommunistischen Russland. Putins Wege der Herrschaftssicherung, seine dennoch anhaltende Popularität (zurückzuführen auf den Glauben an Russlands Größe, wie es im Buch heißt) sowie die Frage nach der Zukunft - darüber erfährt der Rezensent durch Gudkov, eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Russlands, meint er.
Rezensent Detlev Claussen schätzt den im vorigen Jahr verstorbenen Wissenschaftler Victor Zaslavsky als Untergrundsoziologen, der sich mit seinen Untersuchungen zu sowjetischer Stagnation 1982 oder zu dem Massaker von Katyn große Verdienste erworben hat. In dem schlicht "Russland" betitelten Buch analysiert Zaslavsky zusammen mit dem Meinungsforscher Lev Gudkov den postkommunistischen Übergang. Der Rezensent findet es restlos überzeugend. Souverän im Stil und unaufgeregt im Ton, versichert Claussen, beschreiben die beiden die anhaltende Untertanenmentalität, die ineffiziente, aber mächtige Staatsbürokratie, die Stellung der Nomenklatura und die Karriere der Geheimdienstler. Nachdrücklich empfiehlt Claussen das Buch: "Wer wissen will, was in Russland wirklich los ist, muss es gelesen haben."
Robert Seethaler: Die Straße Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in… Nelio Biedermann: Lázár Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als… Lukas Rietzschel: Sanditz Ein imposantes Bild der deutschen Gesellschaft - von der DDR bis in die GegenwartSanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler,… Elizabeth Strout: Erzähl mir alles Aus dem Englischen von Sabine Roth. Elizabeth Strout kehrt zurück in die Küstenstadt Crosby in Maine - zu ihren Heldinnen Lucy Barton und Olive Kitteridge. Es ist Herbst…