Die neue Barbarei
Roman

Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783751810586
Gebunden, 320 Seiten, 22,99
EUR
Klappentext
Aus dem Russischen von Beate Rausch. Während Putin als "Pontschik" erscheint - ein in Öl gebackener Krapfen mit Loch in der Mitte, Symbol einer aufgeblähten Leere -, geriert sich die Opposition in der Pose der Märtyrer. Im Zentrum steht die "Russische Schuld", eine weibliche Allegorie des Landes und Objekt der Begierde des Protagonisten. Mit ihr macht sich Jerofejews Alter Ego auf ins "Himmlische Moskau", eine surreale Landschaft zwischen Traum, Erinnerung und Farce, in der Geschichte und Gegenwart ineinanderstürzen. Dort begegnen sich Stalin und Rilke, Zwetajewa und Merkel, und selbst die großen russischen Klassiker - von Puschkin bis Tolstoi - treten als Zeugen einer endlosen Wiederkehr der Gewalt auf. In dieser alchemistischen Mischung aus Autobiografie, Essay und Allegorie entsteht das Bild eines Landes, das an seiner eigenen Mythenlust zerbricht.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.05.2026
Rezensent Ulrich Rüdenauer gibt zu, dass Viktor Jerofejews Wuttirade gegen Putins Russland eigentlich kaum lesbar ist. Zu zerwühlt und unausgegoren, was der Autor da zusammenreimt. Tschechow und Tolstoi treten auf, Nawalny und Nemzow und natrürlichj der kleine Ganove Putin. Es geht um die neue alte Barbarei in Russland, aber auch in den USA, und es geht um ein lächerliches Europa, erklärt Rüdenauer. Jerofejews Neigung zur Kraftmeierei kennt Rüdenauer schon, dazu kommen hier Dialoge, Essayistisches, politische Analysen und allerhand mehr. Ein Wimmelbild, das Rüdenauer zwar literarisch nicht überzeugt, in seiner Dringlichkeit allerdings schon. Und als Abbild des Scherbenhaufens unserer Gegenwart passt es eigentlich auch ganz gut, findet Rüdenauer.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.05.2026
Nichts Neues unter der Sonne hat Viktor Jerofejews neues Buch anzubieten, ärgert sich Rezensent Ulrich M. Schmid. Wie schon des Öfteren geht es bei Jerofejew um russische Machthaber, denen es Spaß macht, ihre Untergebenen zu quälen, und um Untergebene, die das und alles andere wenig kümmert. Einige Abschnitte des Buches gefallen Schmid schon, Jerofejew versteht sich darauf, komische Miniaturen zu verfassen, einen großen dramaturgischen Bogen bekommt er freilich laut Schmid auch diesmal nicht hin - tatsächlich nennt er sein neues Buch eine "Romanfantasie". Als Versuch, den russischen Überfall auf die Ukraine zu erklären, ist Jerofejews neues Werk jedenfalls kaum zu gebrauchen, meint der Rezensent, der den russischen Autor auch in politischer Hinsicht als einen unsicheren Kantonisten beschreibt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 04.04.2026
Dass Viktor Jerofejew ein brillanter Essayist ist, steht für den hier rezensierenden Slawisten Joseph Wälzholz außer Frage. Und es gibt für den Kritiker im Moment niemanden in der Welt der russischen Literatur mit Jerofejews Urteilskraft. Und doch ist der Kritiker von Jerofejews literarischen Qualitäten weniger überzeugt - nicht nur viele Wiederholungen nerven ihn, sondern auch Jerofejews Drang die eigene "Libido" immer wieder unterzubringen.Immerhin: Die tritt in dieser "Romanfantasie" milder auf und so fühlt sich der Kritiker durchaus gut unterhalten. Aber worum geht's eigentlich? Erzählt wird von der jungen Ruwi, eine Personifikation der russischen Schuld, die durchs Land zieht und im Moskauer Hipster-Jargon verkündet: "Ich bin die Developerin eines Guilt-Designs." Jerofejews Urteil über die Mentalität seiner Landsleute fällt dabei vernichtend aus, lesen wir, er konstatiert einen "Triumph der Irrationalität", der das Volk nicht einmal dann zum Einschreiten bewegen würde, wenn Putin die gesamte Menschheit auslöschen wollte. Der Kritiker geht bei diesen Analysen weitgehend mit, wundert sich am Ende aber doch über die Aussage, Russland könne, einmal befreit von Putin, nur von einem "liberalen Diktator" regiert werden. Das ist nun wirklich das letzte, was Russland braucht, findet Wälzholz.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2026
Das wohl stärkste Buch von Viktor Jerofejew hält Rezensentin Kerstin Holm hier in Händen. In einem überbordenden "Textkaleidoskop" mit Elementen aus Essay, Liebesroman, "Horror-Burleske" und allegorischem Drama widmet sich Jerofejew dem Thema der "russischen Schuld". Diese tritt bei ihm als eine junge attraktive Frau auf, Ruwi: Sie feiert Sex-Orgien im Club "Folterkultur", lässt Alexej Nawalnyj und Wladlen Tatarski auferstehen und hält eine "dämonische" Debattierrunde, für Holm die Schlüsselszene des Romans, in der Jerofejew Theoretiker der deutschen Schuld wie Karl Jaspers und Hannah Arendt heranzieht: In einer Geisterrunde, in der auch Putin und Alexander Dugin anwesend sind, diskutieren sie über historische Schuldfähigkeit, zu deren Anerkennung Russen aufgrund ihrer "faschistoiden Grundhaltung" nicht in der Lage sind, wie Jerofejews Autor-ich im Text erkärt. Die "literarische Biografie" Ruwis ist geprägt von Folter, Repression, Krieg - all das erträgt sie, "als gäbe es sie gar nicht", so Holm, am Ende versucht sie sogar das Russische in sich zu töten, Jerofejew spricht von "Autogenozid". Die Kritikerin ist schwer beeindruckt von diesem Monumentalwerk, in dem der Autor letztendlich das Abstürzen Russlands, aber auch des Westens, in eine "neue Barbarei" festhalten will.