In diesem Buch findet sich die bisher umfangreichste Auswahl der zwischen 1856 und 1880 entstandenen Bilder von Lewis Carroll, dem Autor von "Alice im Wunderland". Brassai nannte ihn den ?besten Kinderfotografen des 19. Jahrhunderts?.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999
Wilfried Wiegand bemerkt in seiner sehr informativen Kritk zunächst, dass das fotografische Werk Lewis Carrolls von der Öffentlichkeit erst sehr spät - im Grunde erst nach dem Zweiten Weltkrieg - entdeckt wurde. Für Wiegand strahlt es allerhöchsten ästhetischen Reiz aus. Ausführlich beschreibt er die Szenen, die Carroll von seinen Modellen nachstellen ließ - so wie man es im 19. Jahrhundert gerne tat. Carrolls Geschmack nennt er durchaus zeitgebunden und begrüßt, dass auch die kitschig kolorierten Fotos aus der Sammlung in den Band aufgenommen wurden. Überhaupt lobt er die Qualität der Reproduktionen, die auch den Sepia-Ton und die teils eigenwilligen Formate der Originale respektierten - nur dass die Größenangaben zu den Bildern fehlen, kritisiert er. Von den Begleittexten ist Wiegand allerdings weniger begeistert. Der Dichter von "Alice im Wunderland" fotografierte nun mal mit Vorliebe kleine Mädchen, an denen er "jedes Interesse verlor", sobald sie in die Pubertät kamen. Und diese Mädchen werden teilweise in durchaus erotischen Posen, manchmal sogar ganz nackt gezeigt. Die Begleittexte aber, so Wiegand, versuchen diesen erotischen Aspekt ganz und gar zu leugnen - und das findet der Rezensent genauso falsch wie die "Verdächtigungs-Interpretationen", die Carroll in den letzten Jahren immer nur als Päderasten darstellen wollten. In beiden Extremen, so Wiegand, sei ein Gespür für eine Betrachtung verloren gegangen, die noch den Unterschied zwischen Erotik und Sexualität macht: "Carrolls Kunst ist nicht unschuldig, aber auch nicht sexuell. Sie ist zweideutig." Das Keuschheitsgetue der Texte im vorliegenden Band erklärt Wiegand mit vorauseilender Selbstzensur im Hinblick auf den amerikanischen "Child Protection Act". Ursprünglich handelte es sich nämlich um den Katalog einer amerikanischen Wanderausstellung. Man hatte wohl Angst vor Ärger: Deshalb liest sich das Buch laut Kritiker an einigen Stellen, als sollte es einem Verteidiger helfen.
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