Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 30.12.2004
Bang fragt sich Gaspard Ngarambe nach der Lektüre von Linda Melverns Untersuchung der Beteiligung und Mitschuld des Westens am Völkermords in Ruanda, ob der Genozid an sich auch heute noch immer wieder möglich ist. "Materialreich" zeige Melvern, dass der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi keine barbarische Ausnahmeerscheinung war, sondern von langer Hand geplant und systematisch ausgeführt wurde, und der Westen wie auch die UNO gleichgültig dabei zusahen. Das Verdienst des Buches sieht der Rezensent darin, dass Melvern sich nicht mit theoretischen Darstellungen aufhält, die den Genozid nur "banalisieren", anstatt ihn zu erklären. "Gegen Leugnung und Revisionismus legt sie Argumente und Fakten vor." Ngarambe kann die Darstellung sowohl Fachleuten als auch Laien empfehlen, also allen, die erfahren wollen, wie die internationale Politik den Völkermord ermöglicht hat und ihn heute noch zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens "missbraucht".
Rupert Neudeck hat dieses Buch über den Völkermord in Ruanda von 1994 mit Erschütterung gelesen. Er lobt die Autorin Linda Melvern für ihren "luzide geschriebenen" Bericht und stellt fest, dass daraus deutlich hervor geht, dass lediglich der kanadische Generalmajor Romeo Dallaire nicht am "Versagen des Westens" beteiligt war und entgegen des UN-Beschlusses seine Blauhelmtruppe nicht aus Ruanda abgezogen hat. Das Buch enthält eine "Fülle des schwer Erträglichen" und lässt auch die "Hetze" des ruandischen Radiosenders RTLM nicht unerwähnt, die während des grausamen Völkermordes an den Tutsi täglich "zum Morden aufrief", so der bestürzte Rezensent.
Dominic Johnson ist der Meinung, dass Linda Melvern mit diesem Buch ein unverzichtbares Standardwerk zum Völkermord in Ruanda vorgelegt hat. Die zugängliche und tiefgehende Analyse des Genozids zeichne sich durch "Nüchternheit und erzählerische Präzision" aus, wobei die Autorin auf ausufernde Beschreibungen der Wesensunterschiede von Hutu und Tutsi und der verwirrenden Machtspiele zugunsten der Analyse der Milizen verzichte. Dabei berufe sie sich zudem auf die neusten Gerichtsprotokolle und Unterlagen des UN-Tribunals, wovon das Buch in nicht geringem Maße profitiere. Den einzigen Nachteil des Werkes sieht Johnson darin, dass dem deutschen Leser wichtige Informationen zum Versagen des Westens im Zusammenhang mit dem Genozid verborgen blieben, da Melvern diese Aspekte schon zuvor in einem Buch verarbeitet hat und nun nur noch in Ansätzen darauf zurück greife - was dem deutschen Leser nichts nütze, da dieses erste Buch nicht auf Deutsch erschienen ist. Nichtsdestotrotz sei dieses Buch ein wichtiges, so der Rezensent, allein schon, um die Gleichgültigkeit gegenüber dem Genozid, die auch seitens der Medien vorherrsche, anzuprangern und ein Gegengewicht zu schaffen.
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