Pathemata. Die Geschichte meines Mundes

Hanser Berlin, Berlin 2025
ISBN
9783446284159
Gebunden, 96 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Übersetzt aus dem Englischen von Cornelius Reiber. Mit ihrem Mund stimmt etwas nicht. Als Kind sprach sie den meisten zu schnell und zu viel und heute leidet sie unter anhaltenden Kieferschmerzen, für die sie eine Odyssee durch die Praxen von Los Angeles auf sich nimmt. In der Absicht, die vielen Ärzte besser informiert zu halten, dokumentiert sie ihren Leidensweg in den "Pathemata". Doch in diesen Aufzeichnungen geht es schnell um sehr viel mehr als physischen Schmerz: Nelson schaut ihrer Partnerschaft beim Zerbrechen zu, trauert um geliebte Menschen und stellt sich ihrer Verlustangst. Ein Nachdenken über Verletzlichkeit, das eigenwillig ist und poetisch und von der ganz besonderen Stimmung getragen wird, die Maggie Nelsons Bücher auszeichnet.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2025
Der Titel von Maggie Nelsons neuem Buch "Pathemata" verweist auf Herodots Diktum "Leiden sind Lehren", erklärt uns Rezensent Frank Schäfer. und genau darum geht es: Nelson hat seit Kindertagen eine schmerzhafte Kieferfehlstellung, die Probleme, die damit einhergehen, werden seit einiger Zeit belastender. Der schmerzende Mund ist aber laut Schäfer nur der Auftakt für weitreichende und weitschweifende Assoziationen, das Buch handelt auch von der Coronapandemie, einer Ehekrise und vom "fraktalen Innenleben" und der Angst, die Sprache könnte verloren gehen. Interessant findet der Kritiker, wie die Autorin hier wieder einmal ihre Poetik der Annäherung und des "überwältigenden Blutflusses der Worte" erklärt und wie sie gefühlvoll Abschiedsszenen einer an Krebs sterbenden Freundin schreibt. Weniger überzeugt ihn allerdings der tagebuchartige Aufbau des Buches, der in weiten Strecken nicht ganz kohärent wirkt, wie er findet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.10.2025
Rezensentin Susanne Billig beschreibt die Geschichte als eindringlichen Bericht über den Kampf mit chronischem, unerklärlichem Mundschmerz, der das Schreiben der Autorin bedroht. Für die renommierte Schriftstellerin, Intellektuelle und Lehrende wird die Störung im Mund zur "Ironie sowie fundamentalen Herausforderung." Der Schmerz steht als Metapher für Sprachlosigkeit und Verletzlichkeit. Zwischen Tagebuch, Erinnerung und Reflexion verknüpft Nelson medizinisches Versagen, pandemische Isolation und den Verlust einer Mentorin zu einer vielschichtigen Selbstbefragung, so Billig. Eine Heilung findet sie nicht, doch das Weiterschreiben wird zur Praxis der Freiheit; ein Akt, Leiden in Selbstbehauptung zu verwandeln. Der Titel "Pathemata" verweist dabei auf das altgriechische "Lernen durch Leiden", erklärt uns die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025
Rezensentin Alana Tongers liest ein mal wieder tief persönliches Buch von Maggie Nelson, die unter anderem schon über ihre ermordete Tante und die Transition ihres Mannes und ihre gleichzeitige Schwangerschaft geschrieben hat. Der Ausgangspunkt hier sind enorme Kieferschmerzen, Krämpfe und Wunden im Mund, mit denen Nelson immer wieder aufwacht - um das schriftstellerisch zu verarbeiten, wählt sie die Form der Pathemata, berichtet Tongers, eine Art Akte des Leidens, abgeleitet aus dem Altgriechischen. Ihr persönliches Leiden spiegele sich dabei in der Corona-Pandemie wider. Interessant ist für die Kritikerin dabei insbesondere, auf welch poetische Weise die Autorin Träume, Schmerz- und Lebensepisoden ineinanderfließen lässt und wie der Mund zum "Portal" zu ihren inneren Empfindungen wird, bei denen es dann nicht nur um den schmerzenden Kiefer geht, sondern auch um die Entfremdung ihres Ehemanns und ihren Sohn, der während der Pandemie aufwächst. Dass der Text so gut gelingt, liegt ihr zufolge daran, dass Nelson in der Lage ist, Gefühle im Schreiben auszuhalten, ohne sie zu überfrachten.