Marcel Beyer

Das blindgeweinte Jahrhundert

Bild und Ton
Cover: Das blindgeweinte Jahrhundert
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783518425787
Gebunden, 271 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Ist Literatur im exterministischen 20. Jahrhundert, in dem Tod ein Meister aus Deutschland geworden ist, noch möglich? Ist ihre Daseinsberechtigung entfallen, da nach Auschwitz jede kulturelle Produktion nur Ausdruck der Barbarei sein kann? Ist Literatur gerade wegen der Gräueltaten notwendig, gar unumgänglich? Welcher Verfahren hat sich solche Literatur zu bedienen? Diese Fragen verfolgt der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2016 in seinen poetischen Untersuchungen und hat eine ebenso knappe wie weitreichende Antwort parat: durch Detailarbeit am Material der Realität wie der Literatur. Marcel Beyer verfährt bei seinen Erkundungen des Status von Literatur nach dem Ausschlussprinzip: das Radio funktioniert als notwendigerweise eindimensionales Medium; das Kino tritt stets im Gewand der Inszenierung auf und ist bekanntlich genauso manipulierbar wie die Fotografie. Im selben Maße, wie die überlieferten Zeugnisse der Quellenkritik bedürfen, ist für die Dokusoap eine Kritik der in der Regel anmaßenden Zeitzeugen notwendig.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2017

Viele Romane wittert Roman Bucheli in diesen Texten von Marcel Beyer. Dass der Autor dennoch keinen einzigen Roman aus seinen Fundstücken geschrieben hat, sondern dem Zauber der kühlen Beschreibung vertrauend, wie Bucheli meint, hier eher Zeugnis ablegt von der Unmöglichkeit, mit der Geschichte der Tränen wie mit der des 20. Jahrhunderts an ein Ende zu gelangen, scheint dem Rezensenten die eigentliche Sensation an diesen Schriften. So belässt der "Wünschelrutengänger" Beyer unverbunden, was unverbunden scheint, meint er, Heintje und Kohl, Adorno und den Insektenforscher Saalmüller, und zieht nur ein bisschen an den im Untergrund verborgenen Fäden, Ausweis des magischen Dichterblicks, findet Bucheli. Das Ergebnis: Geschichten, nicht mehr und nicht weniger, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.06.2017

Eine "essayistische Phänomenologie des Tränenflusses" nennt Rezensent Markus Schwering Marcels Beyers nun in Buchform erschienene Frankfurter Poetikvorlesungen über das 20. Jahrhundert. Ob dieses nun sich selbst oder von seinen Opfern "geweint" wird, ist ihm zwar nicht ganz klar, genauso wie einige Schlussfolgerungen ihn nicht restlos überzeugen, doch im allgemeinen, so der beeindruckte Rezensent, faszinieren, beeindrucken und verwirren Beyers Beispiele, seine wilden Assoziationen und Verknüpfungen, durch die immer wieder neue Wege des Denkens erschlossen und interessante Fragen aufgeworfen werden. "Das blindgeweinte Jahrhundert" ist Autobiografie, Erzählung, Metareflexion und genialischer Essay in einem und überzeugt damit, lobt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.04.2017

Lothar Müller erkennt in diesem Band von Marcel Beyer eine Fortsetzung von Beyers Reflexionen entlang seiner Biografie im Prosaband "Putins Briefkasten". Hier nun erkundet der Autor laut Müller die Zeit vor der Wende und seine Zeit in der alten Bundesrepublik. Heintjes tränendrüsendrückende Lieder kommen in Beyers Gedanken vor und Franz Josef Strauß, Ignatius von Loyola mit seinem Tränentagebuch, dem Beyer das Tagebuch von Witold Gombrowicz gegenüberstellt, wie Müller uns wissen lässt, sowie eine Meditation über Tränen und Schweiß. All das aus Sicht eines Zeitzeugen, der, wie Müller findet, wie ein Trickster in der Historie auftaucht um ihre Tränen zu entdecken. Beyer macht das selbstbewusst in seiner Poetik und politisch hellwach, lobt der Rezensent.

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