Herausgegeben von Luzius Keller. Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens. Revidiert von Luzius Keller und Sibylla Laemmel.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2003
Die nun vollständig vorliegende Frankfurter Ausgabe des Proustschen Meisterwerkes war ganz sicher kein risikoloses Unterfangen, meint der Rezensent Karlheinz Stierle, denn hierbei handelt es sich nicht um eine Neuübersetzung, sondern um eine vom Romanisten Luzius Keller revidierte Fassung der Erstübersetzung von Eva Rechel-Mertens. Doch obwohl die Temperamente der beiden Übersetzer nach Meinung des Rezensenten "unterschiedlicher nicht sein könnten", ist das Ergebnis herausragend. Keller sei es gelungen, Prousts "intellektuelle Konzision" zu erfassen. Er stelle in "unerbittlicher Genauigkeit" die von Rechel-Mertens etwas verwischte "semantische und syntaktische Bestimmtheit, aber auch die Prägnanz des Tempusreliefs" wieder her, mit einer "Lakonik", die fast scheine, Proust übertreffen zu wollen. Anhand von einigen Beispielen erläutert der Rezensent das Kellersche Vorgehen, unter anderem die Übersetzung von "La Fugitive" als "Die Flüchtige", die den auch zeitlichen Bezügen gerechter werde als Rechel-Mertens' "Die Entflohene". Auch den Einfluss des Husserlschen Denkens auf Prousts Werk habe Keller spürbarer gemacht. Allerdings bemängelt Stierle die etwas zu positivistisch und phänomenologisch geprägten Kommentare, die dem Leser gerade in kulturspezifischen Fragen nicht wirklich weiter helfen. Doch "seien wir nicht undankbar", schließt der Rezensent. Diese Übersetzung, dessen ist er sich sicher, wird "für lange Zeit maßgeblich bleiben".
Beim Wiederlesen von Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat Rezensent Detlef Kuhlbrodt, ein großer Proust-Freund, eine Vielzahl von neuen Dingen, Strukturen, Feinheiten entdeckt. Was anfangs noch im Vordergrund zu stehen schien, trete nun ein wenig zurück und gebe den Blick frei auf andere, zunächst unauffälligere Geschichten; was anfangs eindeutig schien, sei plötzlich ambivalent. Dabei handelt es sich nach Kuhlbrodt bei der neuen Proust-Ausgabe des Suhrkamp Verlags nicht um eine Neuübersetzung, sondern um die Überarbeitung der bislang sakrosankten Übersetzung von Eva Rechel-Mertens aus den fünfziger Jahren, revidiert von dem Zürcher Romanisten Luzius Keller. Die Arbeit - sie hat immerhin zehn Jahre in Anspruch genommen - hat sich nach Ansicht Kuhlbrodts gelohnt: die neue Ausgabe lasse sich angenehmer lesen, klinge eleganter, man müsse seltener Passagen noch einmal lesen, um die Metaphern zu verstehen. Die Aufmachung der Neuausgabe findet Kuhlbrodt "edel und zurückhaltend": "prima dünnes Bibelpapier, schön anzufassen, mit einem gelb orangefarbenen Lesebändchen, einem so ausführlichen wie kompetenten Anmerkungsteil versehen und außerdem siebenbändig wie das französische Original", schwärmt er.
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