Leere Schränke
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783103976168
Gebunden, 160 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Portugiesischen von Wiebke Stoldt. Dora Rosário hat sich in der Trauer um ihren schon vor zehn Jahren verstorbenen Ehemann Duarte eingerichtet, der ihr und der fast erwachsenen Tochter Lisa nichts außer Armut hinterlassen hat. Doch eines Tages eröffnet ihr ihre Schwiegermutter, dass Duarte sie nie geliebt habe, und treibt damit Doras Karussell der unerreichbaren Träume und lebenslangen Verletzungen aufs Neue an. Als der Roman 1966 erschien, stand Portugal unter der Salazar-Diktatur. Die meisten Männer waren abwesend oder handlungsunfähig, den Frauen blieb trotzdem nur die Rolle als Mutter, Tochter, Ehefrau oder Geliebte.
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Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 07.08.2025
Rezensentin Heike Kunert versetzt sich gerne in das Frauenschicksal in Maria Judite de Carvalhos Roman aus dem Jahr 1966, der erstmals auf Deutsch vorliegt. Die gegen Ende der Salazar-Diktatur spielende Geschichte erzählt die Autorin laut Kunert kühl sezierend und so, dass keine Figur dem Leser ans Herz wächst. Dennoch gefällt Kunert der Roman. Das liegt an der Beobachtungsgabe, dem Witz und der Sachlichkeit der Autorin und ihrer Erzählweise. Die angekündigte Befreiung der Frau, einer hintergangenen Witwe, ist für Kunert allerdings nur eine Scheinbefreiung, ein Irrweg. Mitleid mit der Figur hat sie nicht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.08.2025
"Verblüffend" findet Rezensentin Maike Albath den einzigen, im Original 1966 veröffentlichten und nun auf Deutsch erschienenen Roman von Maria Judite de Carvalho. Es geht darin um die junge Witwe Dora Rosário, von der aus der Perspektive einer Freundin erzählt wird; aufgedeckt werden im Laufe des Romans Geheimnisse, die Doras verstorbener Mann vor ihr hütete. Auch generell treten Männer hier nur als Troublemaker auf; ein skrupelloser Liebhaber kommt auch noch kurz vor, im Fokus steht aber das "harte Leben" der Frauen im Portugal der 60er Jahre zu Zeiten der Salazar-Diktatur und in einem frauenfeindlichen Umfeld, so Albath. Wie Maria Judite de Carvalho von mehreren Frauenschicksalen erzählt, "pointiert und scharfzüngig" und in der gleichen schnörkellosen Art wie in den Erzählungen und Novellen, für die sie bekannt wurde, findet die Kritikerin beeindruckend und erhellend. Zusätzliche "Spannkraft" gewinne dieser Roman noch durch die mal mehr, mal weniger dominante Erzählperspektive Manuelas, die so immer wieder "Doppelbelichtungen" einzelner Figuren zulasse. Eine tolle Wiederentdeckung, vermittelt Albath.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2025
Wunderbar, freut sich Rezensent Tobias Lehmkuhl, dass mit diesem Roman Maria Judite de Carvalhos ein weiteres von einer Frau verfasstes literarisches Meisterwerk nun endlich auf Deutsch vorliegt. Es gibt in diesem Buch eine heimliche und eine vermeintliche Hauptfigur, so Lehmkuhl, die heimliche ist 17 Jahre alt, heißt Lisa und möchte Stewardesse werden, die vermeintliche heißt Dora Rosario und beginnt nach dem Tod ihres Mannes in einem Antiquitätenladen zu arbeiten, wodurch sie selbst sozusagen musealisiert wird. Die Erzählerin wiederum tut so, als wäre sie unbeteiligt, aber, darauf weist Lehmkuhl hin, der Schein trügt, wie sich in dem Roman überhaupt jede Menge überraschende Wendungen finden. Wobei die eigentliche Stärke des von Wiebke Stoldt geschickt übersetzten Buches eine Sprache ist, die sich auf die Kunst der Verdichtung versteht. Nebenbei zeichnet Carvalho laut Lehmkuhl auch noch ein reichhaltiges Zeitbild - unter Salazar träumen Frauen in Portugal amerikanische Träume, die sich bei näherer Betrachtung allzu oft in sich zusammenfallen. Ein starkes Buch über Illusionen, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 03.07.2025
Rezensentin Undine Fuchs freut sich, dass nach fast sechzig Jahren nun auch deutsche Leserinnen und Leser dieses wichtige Buch der portugiesischen Autorin Maria Judite de Carvalho entdecken können. Es geht um ein "Geständnis aus zweiter Hand": Dora besucht ihre Freundin, die Ich-Erzählerin Manuela, und erzählt von ihrem verstorbenen Mann Duarte, der, eigentlich außerordentlich lethargisch, kurz vor seinem Tod eine Affäre angefangen hat, erfahren wir. Der seltsam überbordende sprachliche Bilderreichtum wird immer wieder abgelöst von einem "aseptisch-distanzierten Ton", der für Fuchs den Reiz des Romans ausmacht. Sie liest hier von zwei Frauen, die sich in den finalen Jahren unter der Herrschaft von Salazar kaum erlauben, eigene Gefühle zu haben und für sich einzustehen - gut, dass es dieses Buch nun auch auf Deutsch gibt, hält sie abschließend fest.