Das Herzflorett
Roman

Luchterhand Literaturverlag, München 2024
ISBN
9783630876603
Gebunden, 288 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Pepsi liebt das Leben und den flimmernden Schlaf des Sommers. Ihre Eltern arbeiten in Hessen und tauchen nur in den Sommerferien auf dem einsamen Hof des Großvaters in Dalmatien auf. Zeitweise kommt sie auch bei anderen Verwandten unter, doch wo immer sie ist, bleibt sie fremd. Nur in der Natur fühlt sie sich aufgehoben, verbringt, fasziniert von der Sprache der Vögel am Himmel, ihre Tage barfuß im Gras. Als die Eltern sie zu ihren Geschwistern in die Einzimmerwohnung in einem Dorf im Taunus holen, will Pepsi sofort wieder weg. Die vom Putzen rissigen Hände der Mutter sind zu keiner Zärtlichkeit fähig. Der Vater beginnt seine Tage mit Schnaps. Das neue Leben hält aber zugleich Dinge bereit, zu denen das Mädchen sich wie magnetisch hingezogen fühlt. Die Welt der Bücher und Buchstaben, die deutsche Sprache, in die sie sich so plötzlich und heftig verliebt wie später in Aleksandar. Doch als sie Abitur machen und studieren will, wird ihr das verboten, weil sie kein Junge ist. Es ist wie ein Stich ins Herz, ein Abschied - und zugleich ein Neubeginn.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 24.10.2024
Marica Bodrozic hat einen deutlich autofiktional eingefärbten Roman geschrieben, erklärt Rezensentin Tanya Lieske: Die Protagonistin Pepsi wächst in der Herzegowina auf, die Eltern arbeiten in Deutschland und holen sie und ihre Geschwister schließlich doch zu sich nach Hessen. Das Zusammenleben gestaltet sich zwischen Alkoholabhängigkeit des Vaters und Schlägen der Mutter schwierig, doch, erzählt Lieske, gibt es für Pepsi mit der deutschen Sprache, die sie immer besser lernt, einen Ausweg. Die Eltern hingegen sind vom Krieg derart traumatisiert, dass sie fast überhaupt nicht mehr sprechen. Dieser ist aber nicht nur gradlinig, sondern umfasst auch posttraumatische Belastungen und die ihr entgegengesetzte Sprachlosigkeit der Eltern. Bodrozic schreibt davon in einer "Prosa der Unmittelbarkeit", die der Kritikerin zwar sehr gefällt, doch die Lyrikerin in Bodrožić sorgt zugleich für einen "ganz hohen Ton" der kindlichen Erzählerin, die ihr volles Potential nicht entwickeln kann, weil sie immer schon wie eine Erwachsene spricht, bedauert Lieske, die den Roman trotzdem mit großem Interesse gelesen zu haben scheint.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 27.09.2024
Rezensentin Julia Schröder zeigt sich enttäuscht von Marica Bodrozics neuem Roman. Wie sooft bei der Autorin geht es laut Schröder um die Sehnsucht nach einem besseren Leben vor dem Hintergrund der Erfahrung jugoslawischer Arbeitsmigranten in Deutschland, eine Erfahrung, von der die Autorin zehrt. Diesmal projiziert Bodrozic die Sehnsucht auf ein Mädchen, das sich ein Leben mit den Eltern in Hessen wünscht, von der Realität aber enttäuscht wird und sich in die deutsche Sprache und Literatur flüchtet, erklärt die Rezensentin. Leider kommen Innenleben der Figur und Außenwelt im Buch nicht zueinander, rutscht die Sprache allzu oft ins Kitschige und verliert sich die Autorin in pseudopsychologischen Deutungen über die Traumata der Familie, ärgert sich Schröder.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2024
Rezensentin Beate Tröger bleibt nach der Lektüre von Marica Bodrožićs fünftem Roman, der sie nicht wirklich überzeugen konnte, eher mit einem bitteren Nachgeschmack zurück. Bodrožić bündelt in einem Bildungsroman die Erfahrungen eines Mädchens aus Herzegowina bis ins junge Erwachsenenalter, das immer wieder ihrem familiären Kontext entkommen will. Pepsi wird vom alkoholsüchtigen Vater und einer lieblosen Mutter misshandelt. Sie setzt diesem grausamen Alltag ihre Fantasie und ihre Liebe zu Büchern entgegen, mit denen sie sich in eine Welt der Metaphern zurückzieht, in der sie freier atmen kann. Tröger sieht das allerdings eher kritisch. Denn die Notwendigkeit, die Welt und sich selbst immer in Metaphern zu denken und diese aufzuschlüsseln, um die Mühen des Alltags zu lindern, mag für die Erzählerin eine Freiheit sein, für den Lesern aber ist es ermüdend und wirkt zwanghaft, kritisiert Tröger. Und dass Pepsi immer so aufrecht dargestellt wird und immer konsequent ihren Weg geht, ist für Tröger nicht plausibel, ist auf eine charmante Weise märchenhaft, aber derangierend realitätsfremd, findet Tröger schließlich.