Die große Versuchung
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431788
Gebunden, 304 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Von großen und noch größeren Versuchungen erzählt dieser späte Roman, von der Verführungskraft der Musik, der grenzenlosen Leidenschaft für die Kunst und die Welt - und der Schwierigkeit, dabei Maß zu halten. Toño Azpilcueta führt Familien- und Berufsleben mit sehr mäßiger Begeisterung. Seine Leidenschaft gilt der traditionellen Musik seines Landes, dem peruanischen Walzer, den er seit der Jugend akribisch erforscht. Eines Tages lernt er einen unbekannten, aber offensichtlich über alle Maßen talentierten Gitarristen namens Lalo Molfino kennen. Die Begegnung verändert Toños Leben - sehr zur Beunruhigung seiner Familie -, denn Molfino spielen zu hören, ist für ihn eine Offenbarung. Augenblicklich weiß Toño, was seine Mission ist: Er schreibt endlich das Buch, über Molfino, den peruanischen Walzer und vor allem die künstlerische Vision eines besseren Lebens. Es wird ein Erfolg und Toño berühmt. Was läge also näher, als das Buch zu erweitern, sein Land, dessen Geschichte, die ganze Welt darin unterzubringen? Immer mehr, geradezu manisch, schreibt Toño daran, taub gegen die lauter werdende Sorge seiner Familie …
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Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.09.2024
Rezensentin Irene Binal bedauert, dass der wohl letzte Roman von Mario Vargas Llosa nicht vollständig überzeugen kann. Erst am Schluss gewinnen Charaktere und Handlung die Komplexität und das Tempo, die die Rezensentin von einem Weltklasseroman erwartet. Zuvor erzählt der Autor laut Binal mitunter sachbuchartig, hoffnungslos überladen und auch ein wenig naiv von der einenden Kraft der Musik. Dabei gerät die Handlung um einen erfolglosen Musikkritiker, der mit einer Arbeit über die peruanische Musik als Heilmittel gegen den Terror des "Leuchtenden Pfads" (Handlungszeit sind die frühen 1990er) doch noch bekannt wird, in den Hintergrund, stellt Binal fest. Die Idee der Musik als Heilmittel ist im Grunde ein schöner, versöhnlicher Gedanke, meint sie, nur leider nicht besonders überzeugend ausgeführt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.09.2024
Rezensent Sebastian Schoepp liest Mario Vargas Llosas neues Buch im traurigen Bewusstsein, dass es wohl das letzte des großen peruanischen Romanciers sein wird. Der 88-jährige Vargas Llosa setzt sich darin selbst ein Denkmal, indem er der Figur des Musikjournalisten Azpilcueta unverkennbar Züge seiner selbst verleiht, wie Schoepp feststellt. Das Buch, halb Roman, halb Essay, nimmt laut Schoepp Randfiguren, das "multikulturelle Werden" Perus wie auch die präkoloniale Zeit und den Terror als bekannte Themen Vargas Llosas auf und erzählt die Geschichte eines Musikers und der Musik Perus. Das Buch ist nicht frei von Kitsch und Tratsch, aber auch das kennt man vom späten Vargas Llosa, meint Schoepp.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 19.09.2024
Man sollte beim Lesen dieses Buches die Musik hören, von der es handelt, empfiehlt Rezensent Christian Metz: kreolische Walzer, interpretiert von Stars wie Lucha Reyes. Denn Mario Vargas Llosa verschreibt sich in seinem neuen Roman dieser Musik, und er nähert sich ihr mithilfe einer Hauptfigur namens Toño Azpilcueta. Der ist Privatgelehrter und Spezialist für Volksmusik und recherchiert über einen verstorbenen Walzermusiker. Das daraus resultierende Buch bringt ihm die lang ersehnte Anerkennung. Zu den Themen des Romans zählen laut Metz eine Form von akustischer Genauigkeit, die präzise zwischen Stille und Klang unterscheidet, sowie auch das Schreiben, das ebenfalls mit Stille assoziiert ist - zumindest bevor die Leser ins Spiel kommen. Im Buch wechseln sich enzyklopädisch anmutende Passagen über Musikgeschichte und die Geschichte um Toño ab, beschreibt Metz, der eingesteht, dass Llosa mit dieser Struktur nicht unbedingt Neuland betritt. Dennoch gelingt es dem Autor, den peruanischen Walzer mit literarischen Mitteln zum Klingen zu bringen, versichert der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2024
Ein Buch mit kraftvoller Botschaft und außerdem ein Vermächtnis, das allerdings als Roman nicht an frühere Großtaten des Autors heranreichen kann: So beschreibt Rezensent Josef Oehrlein Mario Vargas Llosas neuen und vermutlich letzten Roman, dessen deutschen Titel - bei wörtlicher Übersetzung des Originals hieße das Buch "Ihnen widme ich mein Schweigen" - dem Rezensenten nicht zusagt. Die Geschichte dreht sich laut Oehrlein um den Wissenschaftler und Musikkritiker Toño Azpilcueta, der eine Faszination für den mysteriösen Gitarristen Lalo Molfino entwickelt. Letzterer bleibt freilich dem Rezensenten zufolge auch nach ausgiebigen Recherchen unauffindbar, dafür widmet Azpilcueta ihm ein Buch, das mehr als nur eine Musikerbiografie ist, sondern sich der Kraft der peruanischen Musik schlechthin widmet. Weiterhin spielt eine Sängerin namens Cecilia Barraza eine Rolle, Molfinos Lebensgeschichte kommt auch zur Sprache. So gut recherchiert ist dieses Buch, erläutert Oehrlein, dass es als Sachbuch über peruanische Musik durchgehen könnte, zahlreiche materialreiche Exkurse zur Musikgeschichte drängen zwischen die Handlung, außerdem breitet Llosa einige fragwürdige Thesen aus, etwa wenn er die spanischen Kolonisatoren - im Vergleich zu ihren britischen Gegenstücken - lobt. Allzu enthusiastisch fällt Oehrleins Fazit am Ende nicht aus, aber dass hier eine wichtige literarische Stimme Partei für die Musik als heilende Kraft ergreift, sagt ihm durchaus zu.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.08.2024
Der vorliegende Roman ist der letzte des peruanischen Nobelpreisträgers, das hat der 88-jährige angekündigt, weiß Rezensent Martin Oehlen: Er trifft hier wieder auf die typischen Themen seines Werkes von Liebe bis Politik. Protagonist sei der Journalist Tono Azpilcueta, der ein Buch über einen Musiker schreiben möchte, der den peruanischen Vals meisterhaft beherrscht - Azpilcueta schreibe dieser Musikrichtung gar die Kraft zu, die massiven Gegensätze der peruanischen Gesellschaft überwinden zu können. Vargas Llosa schreibt diese Geschichte mit einem ganzen Netz an Verweisen auf tatsächlich existierende Musiker und Musikwissenschaftler, denen Oehlen begeistert nachspürt. Er lobt die "Herzenswärme", mit der sich der Autor seinen Figuren, aber auch der Sorge um sein Heimatland widmet und beurteilt den Roman als ein "würdiges" Alterswerk.
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Deutschlandfunk Kultur, 10.08.2024
Im Mittelpunkt dieses Romans steht ein Musikwissenschaftler, der fest davon überzeugt ist, dass Musik zu einer alle Gesellschaftsschichten umfassenden peruanischen Kultur beitragen kann, erzählt Rezensent Dirk Fuhrig. Es ist vermutlich der letzte Roman des 86-jährigen Autors, der einen "klassenübergreifenden Rhythmus" für sein Land sucht und ihn findet: im peruanischen Walzer. Vargas Llosas Held sucht nach den Ursprüngen dieser Tradition und reist dabei bis zur nördlichsten Grenze Perus um schließlich ein Buch zu schreiben, das besonders in der Provinz erfolgreich wird. Das ist elegant geschrieben, originell und auch ein bisschen melancholisch, lobt Fuhrig.
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Die Welt, 03.08.2024
Rezensent Marko Martin weiß das "Geschenk", das Mario Vargas Llosa der Welt mit seinen Romanen gemacht hat, sehr zu schätzen. Auf diesen letzten jedoch hätte er auch verzichten können. Hier widmet sich der peruanische Weltklasseautor noch einmal seinen "großen Themen", jedoch ohne dabei wirklich Neues, Überraschendes oder irgendwie Bereicherndes hervorzubringen. Es geht um Kunst und Künstlerdasein, genauer gesagt, um Musik- und noch genauer um die "Hoffnung auf ethnische Inklusion" qua Musik, erklärt Martin. Eine Hoffnung, die in "Die große Versuchung" mit großer Geste vorgetragen wird, ohne dass die sozialen und ökonomischen Verhältnissen irgendwie berücksichtigt werden. Auf den Rezensenten wirkt diese Hoffnung somit naiv. Auch fällt es Martin oftmals schwer zu unterscheiden, ob es sich bei den ausufernden Ausführungen des Romanhelden - ein erfolgloser Musikwissenschaftler, der sich auf der Spuren eines ebenso erfolglosen Gitarristen begibt - um Rollenprosa handelt oder um die belehrende Stimme eines "pädagogisch steril gewordenen" Vargas Llosa. Dennoch, das Geschenk bleibt, daran ändert auch ein eher misslungener letzter Roman nichts.