Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt. Wer waren die Wissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs für Hitlers Regime an Atombomben arbeiteten, und wie rechtfertigten sie sich später? Auf breiter und aktualisierter Quellenbasis untersucht Mark Walker die deutsche Forschung an Atomreaktoren und -waffen in der NS-Zeit sowie die dazugehörigen Debatten und Legenden der Nachkriegszeit. Er beleuchtet sie im Kontext des Kriegsverlaufs, im Vergleich zum Manhattan-Projekt und anhand ihrer verheerenden globalen Auswirkungen: Berichte über die deutsche Forschung beförderten die amerikanischen Anstrengungen und damit die Atombombenabwürfe auf Japan. Nach 1945 überschatteten die Verbrechen des NS-Staats und die Katastrophe von Hiroshima zunächst die Arbeit der deutschen Wissenschaftler, fachintern und öffentlich stieg jedoch der Rechtfertigungsdruck. Walkers Untersuchung erstreckt sich bis weit in die Nachkriegszeit und zeigt, wie sich die Vergangenheitspolitik der Akteure und die Narrative um "Hitlers Atombombe" entwickelten und bedingten, schließlich zur Rehabilitierung der Physiker führten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2025
Wie kam es, dass im Dritten Reich keine Atombombe gebaut wurde? Dieser Frage geht Mark Walker in einer monumentalen Studie nach, die Rezensent Ulf von Rauchhaupt als das neue Standardwerk zum Thema ansieht. Walker widerspricht den Nachkriegserzählungen von Inkompetenz oder moralischem Widerstand: "Es gab keine Entscheidung, keine Atombomben zu bauen oder die wissenschaftliche Arbeit auf Grundlagenforschung zu beschränken." Vielmehr arbeiteten Heisenberg und Kollegen an einem Reaktor, während den Alliierten früh klar war, dass eine Bombe machbar sei. Besonders aufschlussreich ist Walkers Analyse neuer Quellen: von den Farm-Hall-Protokollen bis zu Bohrs nie abgeschickten Briefen, erfahren wir. Daraus entsteht ein Bild voller Grautöne: Heisenberg, weder Held noch Schurke, versuchte 1941 in Kopenhagen womöglich, "nicht alle Atomwaffen zu verhindern, sondern nur die amerikanischen". Walker setzt sich im zweiten Teil seines Buches auch mit der Nachkriegspolitik deutscher Physiker auseinander, die an dem deutschen Atomprogramm beteiligt waren und sich selber reinzuwaschen versucht, lobt der Kritiker zuletzt.
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