Die Luftschläge von Kundus am 4. September 2009, durch die etwa 100 Menschen ums Leben kamen und etliche weitere schwer verletzt wurden, zeigten einmal mehr das enorme Skandalisierungspotenzial von zivilen Opfern militärischer Gewaltanwendung nicht nur in Deutschland. Verschärfend gilt dieser Befund, wenn es sich nicht um einen Verteidigungskrieg, sondern um eine humanitär motivierte militärische Intervention handelt, sei es, um menschenwürdige Verhältnisse (wieder) herzustel-len, sei es um eine Gesellschaft von ihrem grausamen Despoten zu befreien. Eine hohe Anzahl ziviler Opfer wirkt in den Augen der Öffentlichkeit als Selbstdiskreditierung. Dagegen steht eine hohe Gewalttoleranz, d. h. weit gefasste Zulässigkeitsvoraussetzungen für die Tötung von unbeteiligten Zivilisten im "Humanitären Völkerrecht" - wie sie zuletzt auch die Einstellung des Verfahrens gegen die beteiligten Soldaten durch den Generalbundesanwaltschaft bestätigt hat. In dem vorliegenden Band gehen Offiziere, Vertreter von (Nicht-)Regierungsorganisationen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen der Frage nach, ob die indirekte Tötung von Unschuldigen in Ausnahmefällen erlaubt sei.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2015
Christian Hillgruber scheint der als Fazit eines Symposiums von Matthias Gillner und Volker Stümke herausgegebene Band von aktueller Relevanz zu sein. Die moralische Integrität von an militärischen Interventionen mit zivilen Opfern beteiligten Soldaten ist das Thema, das die Autoren laut Hillgruber aus verschiedenen Blickwinkeln angehen. Hillgruber liest die Meinung eines Majors zur Pflicht politischer Verantwortung in diesem Zusammenhang, die Tagebuchaufzeichnung zu einer Afghanistan-Operation eines verantwortlichen Militärs oder die Reflexion des Theologen Jörn Thießen zur politischen Aufarbeitung der Bombardierung von Kundus. Moraltheologische und empirische Sichtweisen bezeugen ihm, wie komplex die Debatte über Kollateralopfer ist.
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