Im zweiten Teil des Faust-Dramas von Goethe treten Faust und Mephisto als vermeintliche Retter in einer Staats- und Finanzkrise auf und versprechen durch die Erfindung des Papiergeldes einen Ausweg aus der Misere. Goethes Fortschreibung der Geschichte des legendären Goldmachers Doktor Faust lässt sich als modellhafte Darstellung unserer heutigen Finanzökonomie lesen - sowohl in ihren wohlstandsmehrenden wie auch in ihren riskanten Aspekten. Die gleichsam magische Schöpfung des modernen Wohlstands aus dem Nichts durch stoffwertloses 'fiat money' als staatlich autorisiertes Geld in Gestalt von Papierscheinen oder in elektronischer Form kann sich in einer Krise des modernen Geldsystems auch umkehren, wenn die Inflation die neu erschaffenen Vermögenswerte wieder verschlingt. In literatur-, wirtschafts- und finanzwissenschaftlicher Perspektive versammelt der Band aus Anlass des 100. Jahrestages der deutschen Hyperinflation von 1923 Studien über den Zusammenhang von Wertschöpfung und Wertvernichtung. Mit Beiträgen von M. Binswanger,K.-F. Israel, M. Jaeger, M. Lehmann-Waffenschmidt, W. Plumpe,J. Rutscher, G. Schnabl und R. Wöller.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2026
Rezensent Erich Weede schaut über den eigenen Tellerrand hinaus mit dem von Michael Jaeger und Marco Lehmann-Waffenschmidt herausgegebenen, auf eine Konferenz zurückgehenden Band, der die ökonomischen Bedingungen des historischen Hintergrunds von Goethes "Faust" in den Blick nimmt. Die teils geisteswissenschaftlichen, teils ökonomischen orientierten Texte erhellen für Weede etwa die Experimente mit Papiergeld nach der Französischen Revolution oder untersuchen die unternehmerischen Anstrengungen Fausts. Andere Beiträge entfernen sich laut Weede weiter vom literarischen Text, wenn sie die Inflationserfassung diskutieren oder den Kapitalismus als Erfolgsgeschichte betrachten. Für Weede ein Buch vor allem für jene, die bereit sind, aus einem abgegrenzten Theoriefeld auszubrechen, stellt der Kritiker abschließend fest.
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