Michael Tomasello

Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral

Cover: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
ISBN 9783518586952
Gebunden, 282 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Die Evolution des menschlichen Moralbewusstseins gehört zu den großen Rätseln der Wissenschaft. Es hat die Phantasie von Generationen von Forschern beflügelt, zahlreiche Theorien liegen auf dem Tisch, aber die Frage "Woher kommt die Moral?" ist nach wie vor offen. Gestützt auf jahrzehntelange empirische Forschungen, rekonstruiert Michael Tomasello die Entstehung des einzigartigen menschlichen Sinns für Werte und Normen als einen zweistufigen Prozess. Dieser beginnt vor einigen hunderttausend Jahren, als die frühen Menschen gemeinsame Sache machen mussten, um zu überleben; und er endet beim modernen, ultrakooperativen homo sapiens sapiens, der beides besitzt: eine Moralität der zweiten Person, die unseren Umgang mit dem je einzelnen Gegenüber prägt, und eine gruppenbezogene "objektive" Moral, die sagt, was hier bei "uns" als gut oder gerecht gilt. In der Tradition von Mead, Kohlberg und Piaget zeigt Tomasello außerdem, wie sich die individuelle Moralentwicklung in einer bereits normengesättigten Welt vollzieht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2016

Rezensent Lars Weisbrod hat Michael Tomasellos "Naturgeschichte der menschlichen Moral" zwar durchaus mit Interesse gelesen. Allerdings räumt der Kritiker ein, dass der Verhaltensforscher die üppig zitierten moralphilosophischen Gewährsmänner, von Hume über Rousseau bis zu Strawson, nicht recht einzuordnen weiß und der Leser in Folge häufig verloren zurückbleibt. Und auch wenn Weisbrod hier einige provokante metaethische Fragen, etwa zur Relativität von Werten, entdeckt, muss er gestehen, dass Tomasello beim Versuch, Moral evolutionär zu erklären, ziemlich ins Schlittern gerät.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2016

Mit Skepsis liest Rezensent Martin Hartmann diese Naturgeschichte der Moral. Der Primatenforscher Michael Tomasello beschreibt darin, wie sich moralisches Handeln bei Primaten aus der Kooperation heraus entwickelt hat, weil es sich etwa bei der Jagd als nützlich erwies (auch wenn Schimpansen anschließend die Beute am liebsten für sich allein hätten). Erst der Mensch habe jedoch - vor ungefähr 100.000 Jahren - die Fähigkeit entwickelt, das Konzept der Kooperation zu abstrahieren und auf größere Gemeinschaften zu übertragen. Über Altruismus bei Primaten will Hartmann nichts sagen, aber unbehaglich wird ihm bei Tomasellos utilitaristischem Moralbegriff. Nicht nur dass die Moral hier immer einen Nutzen haben muss, stößt dem Rezensenten auf, sondern auch dass Tomasello keinen Begriff von Universalismus hat: Moral ist, was der eigenen Sippe nutzt.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2016

Otfried Höffe hat einiges einzuwenden gegen die Naturgeschichte der Moral des Primatenforschers Michael Tomasello. Mit Charles Darwin im Gepäck, aber keinem Kant, Aristoteles oder Bentham, die Kooperation unter den Menschen zu erläutern und zu bestärken, scheint Höffe gewagt. Empirisch und spekulativ geht der Autor denn auch vor, ohne sich um Begriffskontroversen oder nicht englischsprachige Literatur zu scheren, erklärt der Rezensent. Die menschliche Moral als Sozialmoral beschreibt der Autor dann chronologisch als zweistufige Entwicklung und anhand psychologischer Prozesse, weiß Höffe. Doch bei allem Erkenntnisgewinn in Sachen Moralphilosophie vermisst er die Diskussion der Alternativen: des Autonomiegedankens, des Utilitarismus oder eben der Moralkritik.

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