Wie weit reicht das Modell des Krieges, um die Erscheinungsformen von Macht zu beschreiben? Foucault geht dieser Frage nach, indem er zwei Grundfiguren der Macht unterscheidet. Die Disziplinarmacht beruht als Gewalt über den Tod auf Techniken der Überwachung und auf Institutionen der Strafverfolgung. Ihr Bereich ist der Körper. Die Biomacht bezieht sich auf die Bevölkerung insgesamt und ihr Lebensrecht. Die historische Ursache für diese Ausdifferenzierung sieht Foucault im Überlebenskampf des Adels zwischen den Fronten des Souveräns und dem im 16. Jahrhundert erstarkenden Bürgertum: Geburtsstunde nicht nur der modernen Geschichtswissenschaft als Legitimationsinstrument des Adels gegenüber dem König, sondern auch des "Staatsrassismus", der sich gegen die eigene Bevölkerung richtet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.11.1999
Eine etwas feierliche, aber leider auch recht akademische Rezension legt Axel Honneth zu diesem Vorlesungsbuch des französischen Philosophen vor. Er schildert ihn als einen Theoretiker der Macht, der sich von Hobbes absetze und in heute fast vergessenen Denkern des 17. bis 19. Jahrhunderts die Archäologie seines eigenen Denkens suche. Honneth bewundert Foucaults "pädagogischen Ton", der jeden überraschen müsse, der Foucault aus seinen "geschriebenen" Büchern als brillanten und schwierigen Stilisten kenne. Am meisten feiert Honneth Foucaults "Aufbegehren gegen eingespielte Deutungen".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999
FAZ-Feuilletonchef Ulrich Raulff bekennt, dass er selbst seinerzeit das Glück hatte, Foucault bei seinen Vorlesungen im Collège de France zuzuhören und sich an der dunklen Pracht seiner Metaphern zu berauschen. Er zeichnet kurz nach, wie es zu dieser Edition der Vorlesungen überhaupt kommen konnte, obwohl Foucault nichts Unfertiges nach seinem Tod publiziert wissen wollte: Die andächtigen Schüler stellten seinerzeit Kasettenrekorder auf, schon lange zirkulierten Mitschnitte. Nun kommen Gallimard und Foucaults ausländische Verleger den Raubdrucken mit einer offiziellen Version zuvor. In seiner Rezension schildert Raulff, wie Foucault sich im 17. Jahrhundert auf die Spuren des Ursprungs von modernem Rassismus begibt und wie er den Krieg als ein der Politik stets zugrundeliegendes, keineswegs etwa von ihr ausgeschaltetes Geschehen begreift. Wenn er damals nicht selbst zu den Zuhörern gehört hätte, meint Raulff am Schluss, dann müsste er sich heute beneiden.
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