Für den an finanzwissenschaftlichen Fragestellungen interessierten Leser soll mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, eine vergleichende Darstellung unterschiedlicher Zugangs- und Lösungsmethoden für typische Problemstellungen der Finanzwissenschaft zu liefern, wobei die Geschichte des Fachgebietes und ihrer Entwicklungslinien in groben Zügen nachgezeichnet wird. Darüber hinaus bietet die Finanzwissenschaft aber auch ein interessantes Bild für den wissenschaftstheoretisch interessierten Leser, und zwar sowohl in Hinblick auf die vertretenen erkenntnistheoretischen Positionen als auch in Hinblick auf den Fortschritt dieser Wissenschaft. Zur Lösung dieser Fragestellungen wird die von Imre Lakatos entwickelte Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme als Grundgerüst verwendet, um sowohl die jeweils grundlegenden Erklärungsprinzipien als auch entsprechende Modifikationen pointiert darstellen zu können. Hierbei zeigt sich, dass sich die vier Forschungsprogramme - trotz zahlreicher dogmengeschichtlicher Gemeinsamkeiten - in Hinblick auf ihre "harten Kerne" signifikant voneinander unterscheiden, was zu alternativen theoretischen Erklärungen finanzwirtschaftlicher Phänomene (z.B. dauerhafter Anstieg der öffentlichen Schuld) und teilweise völlig konträren finanzpolitischen Vorschlägen (z.B. enge oder breite Steuerbemessungsgrundlagen) führt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2006
Heinz K. Stahl betont die Nutzbarkeit des Bandes sowohl für den "finanzwissenschaftlich als auch den wissenschaftstheoretisch interessierten Leser". Überhaupt scheint der Rezensent richtig dankbar, dass sich mit Nils Otter ein Autor den "wiederkehrenden methodischen Streitfragen" der drei Problemfelder Staatswirtschaft, Besteuerung, Staatsverschuldung widmet, indem er verschiedene Lösungsvorschläge komparatistisch vorstellt. Als Hintergrundfolie der Arbeit macht Stahl die "Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme" des Popper-Schülers Imre Lakatos aus, die er jenem gegenüber insofern für weiterentwickelt hält, als mit ihr nicht mehr "einzelne Theorien, sondern ganze Foschungsprogramme" überprüft würden. Nützlich findet Stahl schließlich auch Otters Unterscheidung in theorie- und erfahrungsgeleitete Forschungsprogramme (wobei Otter jedes so rubrizierte "sowohl dogmengeschichtlich als auch hinsichtlich seiner Kerne" untersucht). Von hier aus gelinge dem Autor die deutliche Scheidung der Programme und somit eine Erklärung für die Verschiedenheit finanzwirtschaftlicher Theorien.
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