Nach gängiger Auffassung entstand der Rechtsstaat durch die Zähmung der barbarischen Natur des Menschen: Archaische und vormoderne Gesellschaften seien von Konflikten um Ehre und Rache regiert worden, deren Macht im langwelligen Prozess der Zivilisierung gebrochen wurde. Durch Aufklärung und Modernisierung sei die von den Ehrgefühlen entzündete Gewalt wieder eingehegt worden und Humanität an die Stelle der Triebnatur des Menschen getreten - so die gängige Annahme. Dieses Buch zeigt am Beispiel der griechischen Antike auf, dass die Gefühle, die wir gemeinhin mit Ehre und Rache verbinden, durch das antike Recht überhaupt erst geschaffen wurden. Es leistet einen wichtigen Beitrag zu einer politischen Theorie der Wirksamkeit des Rechts und fügt der Gewaltgeschichte des Menschen in der frühgriechischen Antike eine unerwartete Wendung hinzu.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2017
Guido Pfeifer, seines Zeichens Professor für antike Rechtsgeschichte und Keilschriftrecht in Frankfurt, erkennt im Blick auf das Altertum die eigene Gesellschaft besser. Der US-Rechtshistoriker Philipp Ruch offeriert ihm eine etwas andere Geschichte des Rechts, in der Ehre und Rache quasi als Resultate des Rechts erscheinen, nicht als dem Recht unterworfene Größen. Seine Rechtsgeschichte der Affekte um Ehre und Rache schreibt der Autor laut Rezensent anhand von antiken Quellen wie den homerischen Epen und den Philosophen und Historiografen der antiken Polis. Die "Vorgängigkeit" des Rechts leuchtet Pfeifer ein, wenn Ruch die Rache des Odysseus an den Freiern seiner Gattin mit dem bestehenden Recht ins Verhältnis setzt. Wie gut sich die Quellen des Altertums zur Erforschung überzeitlicher Strukturen eignen, vermag der Band Pfeifer zu belegen, auch wenn der Autor weder mit neuen "Forschungsparadigmen" noch mit Handlungsanweisungen für moderne Gesellschaften aufwarten könne. Dass der Band über kein Register verfügt, hält der Rezensent allerdings für einen echten Mangel.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 25.07.2017
Arno Widmann lernt bei Philipp Ruch, was Ehre heißt. Oder in der griechischen Antike hieß. Heutige Vorstellungen von der Begriffsbedeutung kann der Rezensent dabei getrost über Bord werfen, etwa die, das Ehre etwas Immaterielles sei. Von wegen! Aus den Fußnoten im Buch, die Widmann sehr schätzt, aber erst am Schluss der Kapitel zu lesen empfiehlt, erfährt er außerdem, was Bruderküsse in dieser Hinsicht bedeuten. Ruchs Aufforderungen zur Abschweifung kommt Widmann übrigens gerne nach, zumal die Abschweifungen unvermittelt direkt ins Thema führen können, wie er meint. Aktuelle Forschung, vor allem aber die antiken Vorstellungen in allen Einzelheiten nimmt der Rezensent als kostbare Lesefrüchte mit nach Hause.
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