See der Schöpfung
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498002411
Gebunden, 480 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Sadie Smith - 34, skrupellos, verführerisch, ehemalige CIA-Spionin - wird von einem namenlosen Auftraggeber in eine entlegene Gegend in Südfrankreich geschickt. Ihr Auftrag: Sie soll eine Kommune anarchistischer Umweltaktivisten infiltrieren, die im Verdacht steht, Anschläge verübt zu haben. Sadie blickt zunächst mit Verachtung auf die Idealisten und die französische Provinz mit ihren verschlafenen Dörfern und Höfen. Doch dann gerät sie in Kontakt mit Bruno Lacombe, dem Vordenker der Gruppe. Bruno lehnt die Zivilisation ab, er lebt in einer Neandertalerhöhle und sieht die Rettung der Menschheit in der Rückwendung zu ihren Ursprüngen. Die Auseinandersetzung mit ihm lässt Zweifel in der eigentlich so abgebrühten Sadie keimen, und sie, die die Fäden in der Hand zu halten glaubte, gerät mehr und mehr in seinen Bann.
Ausgewählt für das Literarische Quartett am 16.5.2025 mehr hier
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 24.07.2025
Rezensentin Iris Radisch trifft sich mit der US-amerikanischen Autorin Rachel Kushner, um mit ihr über deren neuen Roman um eine Spionin zu sprechen. "Angenehm unsympathisch" ist ihr die Protagonistin Sadie Smith, die eine Gruppe französischer Öko-Terroristen infiltrieren soll und dabei auf Bruno Lacombe trifft, einen Altlinken, der sich enttäuscht von der Gesellschaft zurückgezogen hat und dem Gefühl anheimgefallen ist, die Welt rase "auf ihre Auslöschung" zu - in einem "funkelnden, führerlosen Wagen." Dieses Gefühl hat Kushner spätestens seit Trumps Wiederwahl ebenfalls befallen, erfahren wir, auch ihre Protagonistin interessiert sich bald mehr für Lacombe als für die eigentlich zu beobachtende Gruppe - für Radisch ist die Konfrontation zwischen dem neuen Amerika und dem altlinken Frankreich besonders spannend. Kushner betont aber noch, dass es sich bei ihrem Buch um Literatur handle, nicht um Klimaaktivismus, lässt uns die Kritikerin noch wissen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.07.2025
Zumindest bis kurz vor Schluss gefällt Rezensent Stefan Michalzik Rachel Kushners Roman gut. Dessen Hauptfigur heißt Sadie, sie ist verdeckte Ermittlerin, hat sich in eine französische Ökokommune eingeschleust und führt außerdem eine Beziehung mit Lucien, einem Mann, den sie nicht liebt. Als "Ideenroman" beschreibt Michalzik das Buch, die Ideen, um die es geht, betreffen vor allem die zahlreichen Widersprüche im Leben und Selbstverständnis der Kommunarden, die sich teils aus taktischen Gründen mit reaktionären Bauern verbünden und eine ähnliche soziale Geschlechtertrennung praktizieren wie die Mehrheitsgesellschaft. Es gibt außerdem Verweise auf die Situationisten, erläutert Michalzik, Sadie ihrerseits ist offenbar feministisch ambitioniert, wobei sie sich erotisch eher zu harten Kerlen hingezogen fühlt. Lustig ist das alles außerdem, lobt der Rezensent, dem gut gefällt, wie die Amerikanerin Kushner hier Europa und vor allem auch europäische Dissidenz seziert. Lediglich das Ende, das er von Anfang an kommen sieht, ist dem Rezensent zu platt geraten.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.05.2025
Maike Feßmann lobt in ihrer Rezension Rachel Kushners Roman "See der Schöpfung" als kunstvoll und anarchisch. Sie hebt hervor, dass Kushner das Spionagegenre mit Ironie und Witz neu erfindet und die Geschichte um die Ex-Spionin Sadie in einer radikalen Landkommune in Frankreich spannend und vielschichtig erzählt. Sadie wurde von einem anonymen Auftraggeber engagiert, um sich in eine Gruppe von Umweltaktivisten einzuschleichen, die gegen die sogenannten "Mega-Bassins" ins Feld ziehen, die jeden Sommer mit Grundwasser gefüllt werden, um den landwirtschaftlichen Bedarf zu decken. Kushner stattet die Mitglieder Gruppe mit Gedanken aus den "Katakomben linker Geschichte aus", was die Rezensentin spannend findet, die viele weitere Anspielungen entdeckt, zun Beispiel im Anführer der Gruppe, der ihr wie eine Reinkarnation des Autors und Revolutionärs Guy Debord erscheint. "Lust an der Anarchie" sprüht hier aus jeder Zeile, meint die Kritikerin, die außerdem betont, dass der Roman gesellschaftlich brisante Themen wie Umweltaktivismus, Zivilisationskritik und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit geschickt miteinander verbindet. Für die Rezensentin ist das Buch ein rebellischer, intelligenter Roman, der mit Genre-Konventionen spielt und Kushners literarisches Können zeigt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 03.05.2025
Rezensent Jan Küveler ist insgesamt sehr zufrieden mit Rachel Kushners neuem Roman, der in Frankreich kurz vor der Corona-Pandemie spielt, auch wenn er ihre Protagonistin Sadie Smith ein wenig nervig findet: Sie ist Amerikanerin, hat ihre Promotion in Rhetorik abgebrochen, und hat als eine Art verdeckte Ermittlerin für das FBI gearbeitet, bevor sie rausgeworfen wurde, nun gewinnt sie in ihrer ziemlich kühlen Art Zugang zu einer Klima-Kommune. Deren Ziel ist die Sabotage landwirtschaftlicher Konzerne, die wohl auch als Auftraggeber von Smith gelten können. Figuren, die an Prominente des französischen Kulturlebens wie Michel Houellebecq erinnern, werden als (Pseudo-)Revolutionäre beschrieben, die allerdings die "sexuelle Energie einer Großmutter mit Knochendichteproblemen" aufweisen, schildert der durchaus amüsierte Küveler, der sich freut, dass die Protagonistin den "grünen Kommunarden" an den Kragen geht. Für den Rezensenten ein Beweis, dass Kushner in der ersten Riege der amerikanischen Autorinnen und Autoren steht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.04.2025
Sehr ausführlich resümiert Rezensent Willi Winkler den neuen Roman von Rachel Kushner, um dann eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Es geht, erfahren wir, um die 34-jährige amerikanische Agentin Sadie, die von unbekannten Mächten den Auftrag erhält, die französische, von Zivilisationsflüchtlingen gegründete Landkommune "Le Moulin" zu infiltrieren. Die Moulinarden, angelehnt an das "Unsichtbare Komitee", das im Jahr 2007 in Frankreich Hakenkrallen an TGVs montierte, versucht mit selbstangebautem Obst und Maschinenstürmerei dem Kapitalismus und insbesondere der Agrarindustrie zu trotzen und folgt dabei dem Guy-Debord-Schüler Bruno Lacombe, der sich, in einer Steinzeithöhle lebend, auf die Neandertaler beruft, um seine Gemeinde auf eine Art esoterischen Ökoterrorismus einzuschwören. An jenen nun versucht sie Sadie heranzuspielen, fasst der Kritiker zusammen. Natürlich lässt sich diese "thrillerartige Fabel" auch als "antikapitalistische Kampfschrift" lesen, räumt Winkler ein, aber Kushner führt zugleich die Kläglichkeit des Widerstands vor Augen. Vor allem aber besticht ihn die Bildung und der Humor der Amerikanerin, die sich kühl über die "kulturelle Arroganz" der Europäer amüsiert und auch französischen Größen wie Michel Houellebecq oder Bernard-Henri Levy herrlich komische Auftritte einräumt.