Rainald Goetz

Dekonspiratione

Erzählungen
Cover: Dekonspiratione
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411223
gebunden, 200 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

"Dekonspiratione" ist ein Buch über die Verlockung des Öffentlichen, die Gefahr seiner Institutionen, erzählt von Ambition, Karriere, Wahrheit und Macht, vom Ringen um Vertrauen und Integrität und von Scheitern und Verrat. Außerdem erzählt das Buch eine kleine Geschichte des Schreibens. Schreiben: wie kommt man dazu? Wie lebt es sich in dieser Welt der Schreiber und der Schrift. Mit "Dekonspiratione" wird das Buch "Heute MORGEN", eine fünfbändige Geschichte der Gegenwart, abgeschlossen (bisher erschienen: "Rave", "Jeff Koons", "Celebration" und "Abfall für alle").

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.05.2000

Ein ganz optimistischer Reinhard Baumgart hofft hier auf den Beginn des Goetzschen Erzählens. Die "literarische innovative Potenz" des Schriftstellers Goetz findet er vergleichbar mit der von Handke und Strauß; aber er wünscht ihm Krisen und Brüche, damit aus "authentischer Selbstfortschreibung", die inzwischen "Stillstand" bedeutet, einmal wirkliches Erzählen beginnen kann. Der Rezensent hat Anfänge dessen in diesem Buch bereits ausgemacht. Zwar ist "Dekonspiratione" immer noch im üblichen Medienmilieu der jung-alerten Macher und Ironiker angesiedelt, deren "Nabelschau" den Autor "ungleich heftiger motivieren als die gesoftete Liebesunglücksballade", die auch darin vorkommt. Aber es gibt Ansätze von etwas anderem, deren Unterbrechung und Zerstückelung durch "short cuts" und Befindlichkeitsprotokolle dem Rezensenten offenbar leid tut. Sein Einwand gegen Goetz und die "schon gespenstische Jugendlichkeit seiner Rave-Prosa" scheint dabei von der gleichen Zaghaftigkeit, wie er sie den Erzählanfängen von Goetz selbst ankreidet. Denn so richtig festlegen will er sich nun auch wieder nicht, ob beispielsweise das am Anfang des Buches stehende "Requiem des R.G. für seine Schwester" die Erlösung zum Erzählen hin wäre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.04.2000

Hanns-Josef Ortheil weiß sich nicht zu helfen: Dieses Buch ist eine "Trümmerhaufen aus Anfängen". Eindringlich schildert der Rezensent, wie es Goetz mal um mal nicht schafft zu erzählen, wie ihm die Konzentration fehlt, eine dramaturgisch stimmige Konstruktion aufzubauen, wie er sich selbst ins Wort fällt, und wie er sich, wenn er doch mal vierzig Seiten lang einen Erzählfaden spinnt, in banalen Einzelheiten verliert. Man würde nicht weiterlesen, meint Ortheil, "wenn das Buch nicht von Goetz wäre". Auch den selbstgesetzten Anspruch des Autors, das mediale Zeitalter zu reflektieren, findet Ortheil nicht eingelöst. "Das Thema lauert und rumort nur im Hintergrund", Goetz verliere es aus den Augen, bis er dann wieder das Buch an sich reiße, "ich" sage und etwa über den Kosovo-Krieg spekuliert. Und selbst diese Passagen finden nicht die Gnade des Rezensenten, denn sie zeigten nur, dass Goetz äußere Ereignisse brauche, um zum Schreiben zu finden - seine Hauptschwäche aber sei, dass er eben selbst nichts erfinde: "Einer wie er hat nichts zu erzählen."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.04.2000

Die "unersättliche Realitätsvertilgung" des Autors geht Willi Winkler auf die Nerven, auch wenn er ihm zugesteht, es mal wieder ernsthaft mit einer Erzählung versucht zu haben. Nur hat er es dann "auf Seite 94" schon nicht mehr ausgehalten und seine fast schon ins Kitschige kippenden Liebesversuche aufgegeben. Diesmal muss der Kosovo-Krieg herhalten, der Goetz die Literatur austreibt und ihn wieder zu dem greifen lässt, was er "am besten kann", so Winkler, nämlich "Tagebuchnotizen und schlecht gelaunte Beobachtungen". Dennoch hofft der Rezensent weiter auf "Stellen" bei Goetz, in denen er "die Kontrolle verliert und nur noch malt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000

Eher ratlos ist Eberhard Rathgeb am Ende der Besprechung. Zunächst hat er den Einfall, die Goetzsche Erzählung als vorerst letzte Entwicklungsstufe der Kapitalismuskritik zu beschreiben - erst Adorno, der noch Zeitungen las, auf dass sich ihm morgendlicher Durchblick zur Einsicht "verdickte", dann schon Medien-Surfer und -Zapper Goetz, der "Medienbeauftragte der deutschen Literatur". Aber der Einfall scheint sich im Laufe seiner Analyse zur Feststellung zu verflüchtigen, dass nur, wenn's banal hergeht, die Welt morgens um sieben noch in Ordnung ist. Dass Goetz sich den Medien und der medial hergestellten Vorstellung von Leben stellt, scheint der Rezensent immerhin gutzuheißen. Aber er klagt "Poesie" ein und kreidet dem Autor an, sein Credo "Poesie: ein Gedanke", verhindere jede wirkliche Erzählung, weshalb auch hier die Binnenerzählung von einer jungen Frau schnell wieder abgebrochen und vom Krieg im Kosovo und Berliner Literaten-Event-Kultur überdeckt und verhindert werden muss. Goetz' Wissen über die mediale Wirklichkeit, schreibt Rathgeb, richtet "poetologischen Schaden" an; aber dann bleibt der Rezensent die Erklärung trotz vieler Worte doch schuldig, wie denn - vielleicht ganz kapitalismus-unkritisch? - der poetologisch korrekt vorgehen könnte, der sich der Banalität der Medien aussetzt.
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