25 Jahre Perlentaucher
Daseinsformen
Von Gerrit Bartels
08.03.2025. "Weil Deutschland sich grundlegend verändert hat und damit die deutschsprachige Literatur".Gerrit Bartels antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Einer der wichtigsten, vielleicht bis heute immer noch unterschätztesten Romane der deutschsprachigen Literatur seit 2000 ist sicher Peter Kurzecks 2011 veröffentlichter Band "Vorabend", überhaupt sein Romanzyklus "Das alte Jahrhundert". Man muss nicht gleich mit Proust kommen, um darin trotz oder auch gerade wegen Kurzecks Erinnerungsfuror einen Zeit- und Gesellschaftsroman zu erkennen. "Vorabend" erzählt in seinem Kern vom Fortschrittsglauben der fünfziger- bis siebziger Jahre und den Zurichtungen der Moderne, bis hin, auf über fünfzig Seiten!, vom Schicksal der Igel, deren jetzt erstmals augenfällige Bedrohung und Einordnung als "potentiell gefährdete" Art Kurzeck schon vor Jahrzehnten voraussah. Dazu kommt, dass dieser Autor bis heute sprachlich ein Solitär in der deutschsprachigen Literatur ist: sein Sound aus kurzen, elliptischen Sätzen, seine repetitiven Sprachmuster, die Aufzählungen, die ständigen Fragen, das unentwegte Anrufen der Zeit. Mit dem gerade aus Kurzecks Nachlass veröffentlichten Band "Frankfurt-Paris-Frankfurt" kann man sich davon einmal mehr ein Bild machen. Dieser Roman, der zehnte und letzte Band von "Das alte Jahrhundert", fällt im Vergleich zu "Vorabend" nur unwesentlich ab. Dass 2011 die Autofiktion noch weit entfernt war von ihrer Blütezeit in den vergangenen Jahren, ist ein weiterer Aspekt der Einmaligkeit von Kurzecks Werk.
Als nächster Autor muss Rainald Goetz genannt werden. Sein sogenannter Roman eines Jahres, "Abfall für alle", den er ein Jahr lang täglich schrieb und der kurz vor dem Jahrtausendwechsel erschien, ist die Blaupause für das, was mit der Digitalisierung alles kommen sollte an Mitschriften, Blogs, Autofiktionen, essayhaften Romanen und mehr. Wie Kurzeck ist Goetz ein Solitär, in seinem Fall beeindruckt der Versuch, die eigentlich langsame, der Vergangenheit verpflichtete Literatur einer unbedingten Zeitgenossenschaft zuzuführen. "Dekonspiratione" und später "Loslabern" als "Abfall-für-alle"-Updates nach einer längeren Schreibkrise sowie die missglückte, im Grunde aber visionäre Romanbiografie des Managers Thomas Middelhoff, "Johann Holtrop" sind Bücher, die die Gegenwartsliteratur geprägt haben.
Kaum jemand geprägt haben dürfte Wolfgang Herrndorf, dafür ist das Werk dieses 2013 verstorbenen Autors zu schmal und zu disparat. Herausragend ist Herrndorfs 2011 veröffentlichter Roman "Sand" in seiner brutal fiktionalen Eigenwilligkeit. "Sand" entzieht sich jeder Gegenwartsinterpretation. Nie weiß man bei der Lektüre, ob Herrndorf sich mit den vielen kriminalistischen Rätseln in "Sand" lustig macht über sein Publikum oder er tiefere philosophische Botschaften versteckt hat. Identitätssuche? Agententhriller? Quatsch-mit-Sauce-Sprachkunstwerk? In jedem Fall ein Roman, der seinesgleichen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sucht.
Vierte im Fünferbunde ist Judith Hermann mit "Daheim", 2021 erschienen. Mit diesem Roman zeigt sich die immer wieder skeptisch beäugte Hermann auf der Höhe ihrer Kunst, ihres literarischen Existenzialismus. "Daheim" ist im Grunde die Fortschreibung ihrer ersten Erzählbände Ende der neunziger Jahre: ein Roman über Mittellebenskrisen und Neuanfänge. Aus den Träumereien und Ziellosigkeiten ihrer zumeist weiblichen Protagonistinnen sind konkrete bürgerliche Daseinsformen geworden, in der Stadt oder den Vororten davon, in diesem Fall auf dem Land.
Vielleicht ist "Daheim" auch ein Roman, den es so nie wieder geben wird, weil Deutschland sich grundlegend verändert hat und damit die deutschsprachige Literatur. Mehr und mehr wird jene dominiert von Herkunfts- und Migrationsgeschichten, von Necati Ösiri ("Vatermal") über Behzad Karim Khani ("Als wir Schwäne waren") bis zu Emine Sevgi Özdamar ("Ein von Schatten begrenzter Raum"), letztere Autorin stand in diesem Bereich lange Zeit ziemlich allein. Stellvertretend steht Saša Stanišićs Buch "Herkunft", das nicht zuletzt formal mit seinen wechselnden Schauplätzen und nicht-chronologischen Erzählweise ein Vergnügen ist: mal poetisch, mal sachlich, mit fabulierenden, dann wieder essayistischen Passagen, oft in einem Präsens-Stakkato und kurzatmig-pointenreichen Twitter-Sound gehalten, dann wieder mit langen, mäandernden Sätzen erzählt.
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Einer der wichtigsten, vielleicht bis heute immer noch unterschätztesten Romane der deutschsprachigen Literatur seit 2000 ist sicher Peter Kurzecks 2011 veröffentlichter Band "Vorabend", überhaupt sein Romanzyklus "Das alte Jahrhundert". Man muss nicht gleich mit Proust kommen, um darin trotz oder auch gerade wegen Kurzecks Erinnerungsfuror einen Zeit- und Gesellschaftsroman zu erkennen. "Vorabend" erzählt in seinem Kern vom Fortschrittsglauben der fünfziger- bis siebziger Jahre und den Zurichtungen der Moderne, bis hin, auf über fünfzig Seiten!, vom Schicksal der Igel, deren jetzt erstmals augenfällige Bedrohung und Einordnung als "potentiell gefährdete" Art Kurzeck schon vor Jahrzehnten voraussah. Dazu kommt, dass dieser Autor bis heute sprachlich ein Solitär in der deutschsprachigen Literatur ist: sein Sound aus kurzen, elliptischen Sätzen, seine repetitiven Sprachmuster, die Aufzählungen, die ständigen Fragen, das unentwegte Anrufen der Zeit. Mit dem gerade aus Kurzecks Nachlass veröffentlichten Band "Frankfurt-Paris-Frankfurt" kann man sich davon einmal mehr ein Bild machen. Dieser Roman, der zehnte und letzte Band von "Das alte Jahrhundert", fällt im Vergleich zu "Vorabend" nur unwesentlich ab. Dass 2011 die Autofiktion noch weit entfernt war von ihrer Blütezeit in den vergangenen Jahren, ist ein weiterer Aspekt der Einmaligkeit von Kurzecks Werk.Als nächster Autor muss Rainald Goetz genannt werden. Sein sogenannter Roman eines Jahres, "Abfall für alle", den er ein Jahr lang täglich schrieb und der kurz vor dem Jahrtausendwechsel erschien, ist die Blaupause für das, was mit der Digitalisierung alles kommen sollte an Mitschriften, Blogs, Autofiktionen, essayhaften Romanen und mehr. Wie Kurzeck ist Goetz ein Solitär, in seinem Fall beeindruckt der Versuch, die eigentlich langsame, der Vergangenheit verpflichtete Literatur einer unbedingten Zeitgenossenschaft zuzuführen. "Dekonspiratione" und später "Loslabern" als "Abfall-für-alle"-Updates nach einer längeren Schreibkrise sowie die missglückte, im Grunde aber visionäre Romanbiografie des Managers Thomas Middelhoff, "Johann Holtrop" sind Bücher, die die Gegenwartsliteratur geprägt haben.
Kaum jemand geprägt haben dürfte Wolfgang Herrndorf, dafür ist das Werk dieses 2013 verstorbenen Autors zu schmal und zu disparat. Herausragend ist Herrndorfs 2011 veröffentlichter Roman "Sand" in seiner brutal fiktionalen Eigenwilligkeit. "Sand" entzieht sich jeder Gegenwartsinterpretation. Nie weiß man bei der Lektüre, ob Herrndorf sich mit den vielen kriminalistischen Rätseln in "Sand" lustig macht über sein Publikum oder er tiefere philosophische Botschaften versteckt hat. Identitätssuche? Agententhriller? Quatsch-mit-Sauce-Sprachkunstwerk? In jedem Fall ein Roman, der seinesgleichen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sucht.
Vierte im Fünferbunde ist Judith Hermann mit "Daheim", 2021 erschienen. Mit diesem Roman zeigt sich die immer wieder skeptisch beäugte Hermann auf der Höhe ihrer Kunst, ihres literarischen Existenzialismus. "Daheim" ist im Grunde die Fortschreibung ihrer ersten Erzählbände Ende der neunziger Jahre: ein Roman über Mittellebenskrisen und Neuanfänge. Aus den Träumereien und Ziellosigkeiten ihrer zumeist weiblichen Protagonistinnen sind konkrete bürgerliche Daseinsformen geworden, in der Stadt oder den Vororten davon, in diesem Fall auf dem Land.
Vielleicht ist "Daheim" auch ein Roman, den es so nie wieder geben wird, weil Deutschland sich grundlegend verändert hat und damit die deutschsprachige Literatur. Mehr und mehr wird jene dominiert von Herkunfts- und Migrationsgeschichten, von Necati Ösiri ("Vatermal") über Behzad Karim Khani ("Als wir Schwäne waren") bis zu Emine Sevgi Özdamar ("Ein von Schatten begrenzter Raum"), letztere Autorin stand in diesem Bereich lange Zeit ziemlich allein. Stellvertretend steht Saša Stanišićs Buch "Herkunft", das nicht zuletzt formal mit seinen wechselnden Schauplätzen und nicht-chronologischen Erzählweise ein Vergnügen ist: mal poetisch, mal sachlich, mit fabulierenden, dann wieder essayistischen Passagen, oft in einem Präsens-Stakkato und kurzatmig-pointenreichen Twitter-Sound gehalten, dann wieder mit langen, mäandernden Sätzen erzählt.
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