Als der Nonkonformist Hans Henny Jahnn im November 1959 starb, gab es eine kleine Anzahl Urteilsfähiger, die den Tod eines bewunderten Dichteres betrauerten. Aber der breiten Öffentlichkeit war sein Name ein etwas vager Begriff: Religionsstifter, Pferdezüchter, Hormonforscher, Schriftsteller, Orgelbauer. Solche Aktivitäten galten als Facetten von einem Lebenswerk, dessen Charakteristikum geradezu das Unbändige ist. Jahnn ist ein Rebell gegen Landläufigkeit. Noch als Herausgeber von Kompositionen der alten Meister (wie Gesualdo) verschmähte er das Konventionelle. Reiner Niehoff versucht eine kritische und dennoch leidenschaftliche Gesamtdeutung des Phänomens Hans Henny Jahnn.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.07.2002
Als die wohl bedeutendste Untersuchung zu Jahnn betrachtet Uwe Schweikert diesen Band, den er zugleich anspruchsvoll und klar geschrieben findet. Der vom Autor vorgeschlagenen Lektüre des Jahnnschen Gesamtwerks als mit der philosophischen Anthropologie Batailles zu interpretierenden "Akt der Transgression" ist der Rezensent bereitwillig gefolgt, um so zur "Wurzel von Jahnns Ästhetik" vorzudringen: Dem Verlangen nach einer "Resakralisierung des Daseins" im Vorgang der explosiven Entgrenzung. Niehoffs Weg dahin, ausgehend von Jahnns Gründung der neuheidnischen Glaubensgemeinschaft Ugrino, scheint Schweikert einzuleuchten (fehlen ihm auch mitunter die Vergleiche zu anderen Autoren mit ähnlichen Ansprüchen), das Fazit des Buches, demnach Jahnns Kunst sich das Ausgeschiedene, Abgedrängte zur Aufgabe macht, will er gern unterstreichen. Und auch, dass es die bild- und sprachvisionäre Gewalt ist, die an Jahnn fasziniert, eine Gewalt, "vor der der beliebte Hammelsprung zwischen Irrationalität und Vernunft versagt".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2002
Rainer Niehoff widmet sich Leben und Werk Hans Henny Jahnns mit der Theorie der "Überschreitung", die Georges Bataille entworfen hat. Der erste Teil seiner Studie gilt ganz der von Jahnn bis ins Detail entwickelten, aber (zum Glück) kaum umgesetzten Religionsgemeinschaft UGRINO, die - obgleich antichristlich inspiriert - so etwas wie eine "autoritär verfügte und sakral und erhaben installierte 'Schicksalsbühne'" bieten sollte, wie der Rezensent Heinz Ludwig Arnold das Konzept des Autors zusammenfasst. An diesem ersten Teil lobt Arnold die genaue Recherche und die "geradezu" spannende Erzählweise. Auch für die eigentlich literarischen Werke erweist sich, findet der Rezensent, der Ansatz mit Bataille (Artaud kommt noch hinzu) als fruchtbar, wenngleich die Untersuchung zwar "sehr scharfsinnig und sehr komplex" geraten sei, aber auch, wie kaum anders zu erwarten, einigermaßen "anstrengend".
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