"Haifisch", "Inflationsgewinnler", "Finanzjude": Der 1879 in Triest geborene Magnat Camillo Castiglioni hat viele negative Klischeebilder auf sich vereint. Als junger Mann begeistert er sich für alles, was rollt und fliegt: Er macht Karriere in der Automobilindustrie, absolviert mit Ferdinand Porsche eine Ballonfahrt um den Wiener Stephansdom und wird zum Großlieferanten des k.u.k. Kriegsministeriums. Nach 1918 kauft er ein internationales Firmenimperium zusammen und geht auf spektakuläre Weise Pleite. Den Zweiten Weltkrieg überlebt er in einem Versteck in San Marino. Kenntnisreich erzählt Reinhard Schlüter diese Biografie, die Einblicke in die Welt von Wirtschaft und Geld im 20. Jahrhundert gewährt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2015
Zunächst weist Michael Schrott darauf hin, dass mit "Der Haifisch" bereits die zweite Biografie über den Luftfahrtpionier, Börsenspekulanten und Kunstsammler Camillo Castiglioni innerhalb von drei Jahren erscheint. Diesmal zeichnet der Journalist Reinhard Schlüter verantwortlich, und Schrott hält ihm sogleich vor, mit einem fälschlicherweise zugeschriebenen Karl-Kraus-Zitat einen "unverzeihlichen Fehler" zu begehen. Anschließend erzählt der Kritiker detailreich das Leben des Kriegsgewinnlers und Inflationskönigs Castiglioni nach, der schließlich für die Nazis "das willkommene Zerrbild des Geldjuden" abgegeben habe. Beim Lesen komme zwar Spannung auf, gibt Schrott zu, doch Schlüter zerstöre durch zu lange Zitate wieder einiges von ihr. Auch hält der Rezensent nicht jedes beschriebene Detail aus Castiglionis Leben für unbedingt erwähnenswert.
Norbert Zähringer lernt in Reinhard Schlüters Buch einen kapitalen Haifisch kennen. Das Leben und Wirken des Spekulanten Camillo Castiglioni in weltgeschichtlichem Kontext darzustellen, gelingt dem Autor laut Zähringer vor allem die für Castiglioni höchst erfolgreiche K.-u.-k-Zeit betreffend. Wie der Mäzen und Magnat schließlich, entlarvt als Kriegs- und Inflationsgewinnler, abstürzt, vermittelt das Buch dem Rezensenten ebenfalls. Dass Castiglioni am Ende immer noch als durchaus respektable, da zähe Figur dasteht, hat Zähringer überrascht.
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