Vilnius Poker
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783103975789
Gebunden, 688 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Vytautas Vargalys wurde vor der sowjetischen Besatzung Litauens geboren, avancierte zum Freiheitskämpfer, wurde daraufhin gefoltert und in ein Arbeitslager in Sibirien deportiert. Er überlebt, wird aber fortan von rätselhaften Visionen und Erinnerungen heimgesucht und auch von paranoidem Verfolgungswahn. Denn Vytautas, der seit seiner Rückkehr als Bibliothekar arbeitet, ist überzeugt: Die bröckelnde sowjetische Macht lauert hinter jeder Straßenecke, und jede Vorstellung von Wirklichkeit trägt eine Alternative schon in sich. Seine Affäre mit der Bibliothekskollegin Lolita wird jäh durch einen Mord beendet - und mündet in eine Anklage gegen Vytautas. Im Prozess beschreibt jeder der aufgerufenen Zeugen eine ganz eigene Wahrheit. Wem kann man glauben? Ist es am Ende die eigene Wahrnehmung, die einen täuscht?
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2025
Rezensent Paul Ingendaay schätzt die Bilder, die Ricardas Gavelis in seinem Opus Magnum von 1989 für den Kampf gegen die Entmündigung findet. Die Geschichte Litauens, die der Roman anhand von vier Schicksalen erzählt, eines sexhungrigen, von den Geistern der sibirischen Lagerhaft heimgesuchten Bibliothekars in Vilnius vor allem, überzeugt Ingendaay nach anfänglicher Mühe mit viel Sprachkunst und der vermittelten Energie der Dissidenten. Dass der Text, der fast beiläufig um einen Mord kreist, stets mehrere Versionen der Wahrheit liefert, scheint Ingendaay ebenfalls bemerkenswert gut.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.02.2025
Rezensent Karl-Markus Gauss bekommt den Mund nicht zu vor Staunen über Ricardas Gavelis' Monumentalroman von 1989, jetzt wiederzuentdecken in der Übertragung von Claudia Sinnig. Wie der 2002 verstorbene Autor hier die Klassengesellschaft Litauens unter sowjetischer Okkupation schildert, hat etwas von Kafka, Marquez und Camus gleichermaßen, beteuert Gauss. Atemlos hetzt er mit Gavelis' Protagonisten, einem im Gulag verstümmelten Höllenhund, monomanisch durch eine düstere städtische Topografie, verzweifelt mit ihm an den Frauen, den Trinkern, den Spitzeln, Visionen und Zwangsvorstellungen, bis andere Erzähler schließlich übernehmen (u.a. ein Hund) und etwas Aufklärung schaffen. Shocking der Wechsel zwischen Realismus und Fantastik, unerschöpflich die Rätsel in diesem Roman - ein Meisterwerk, so Gauss.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 28.01.2025
Rezensent Jens Uthoff preist Ricardas Gavelis' monumentalen Roman von 1989. Aber er warnt auch vor mangelnder Stringenz, Pornografie, Folterszenen und anderen drastischen Inhalten. Die in Vilnius spielende Geschichte über einen Bibliotheksangestellten und einstigen Widerständler gegen die Sowjets namens Vytautas Vargalys liest Uthoff als Geschichte des Totalitarismus mit allerhand Verweisen auf die litauische Geschichte. Von Folter durch den KGB traumatisiert, streunert Vargalys durch die Stadt, resümiert der Kritiker, die einzige Erlösung in Person einer Art "Lolita"-Figur ist eine Kollegin aus der Bibliothek. Es gibt aber noch viele weitere Perspektiven und Geschichten in diesem Roman. Dass auch die Litauer in die Verantwortung für die Fremdherrschaft genommen werden, findet Uthoff bemerkenswert. Wie "ein experimentelles Musikstück" erscheint Uthoff dieser Text, gleichzeitig entwickelt er eine große Sogkraft nicht zuletzt durch seine rhythmische Sprache in der Übersetzung von Claudia Sinnig. Leichte Kost ist das Buch aber keineswegs, erklärt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 13.01.2025
Leicht zu lesen ist das nicht, stellt Rezensent Maximilian Mengeringhaus in seiner Besprechung des Roman von Ričardas Gavelis klar. Der litauische Autor setzt in seinem ursprünglich 1989 erschienenen Roman seine Hauptfigur Vytautas Vargalys auf die Fährte einer vermeintlichen Verschwörung, die sich im Handlungsort Vilnius abspielt, in die die Kommunisten ebenso verstrickt sind wie die Nazis und die auch mit dem Tod Albert Camus' zu tun hat. Keineswegs kann man dem Erzähler hier allerdings trauen, stellt Mengeringhaus klar, eventuell ist er gar ein brutaler Frauenmörder, mindestens jedoch misogyn und durchweg delirierend, außerdem mischen sich noch andere Erzählstimmen in den Text ein. Insgesamt fügt sich das zu einem Dokument allumfassender Paranoia. Insofern ist das ein großes Buch über das Leben in einer Diktatur, findet Mengeringhaus, der freilich anmerkt, dass man hier mit zahlreichen Perversionen und auch der einen oder anderen redundanten Passage konfrontiert wird. Ein Buch, das weh tut, aber manchmal braucht es so etwas eben, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 02.12.2024
Ein Meisterwerk der litauischen Literatur lernt Rezensent Jörg Plath nun 35 Jahre nach dem ersten Erscheinen auch endlich auf Deutsch kennen: Ricardas Gavelis, der 2002 mit nur 52 Jahren verstorben ist, hat dieses düstere, exzessive Buch mit gleich vier Erzählern rund um Vilnius zentriert und um die Frage der Macht. Die KPdSU spielt dabei eine ebenso große Rolle wie Vytautas, einer der Erzähler, der in einer Bibliothek arbeitet und sich vor allem in die Literatur der Angst versenkt, so Plath. Wir erfahren von brutalen Szenen aus Lagern, in denen Menschen wie Tiere behandelt werden, aber auch von Menschlichkeit in der "bedrohlichen Wolke funktionaler Macht" der Sowjetzeit. Alles eine ziemliche Männerfantasie, sexuelle Eskalationen inklusive, Frauen sind "entweder Gottheit oder Zwischenmahlzeit", auch die drei zusätzlichen Erzählstimmen zu Vytautas hätte es nicht gebraucht, räumt der Kritiker ein, aber den Roman empfiehlt er allein schon wegen seiner umwerfenden erzählerischen Kraft unbedingt zur Lektüre.