Überall wird im öffentlichen Diskurs heute auf Befindlichkeiten Rücksicht genommen: Es werden vor Gefahren wie 'expliziter Sprache' gewarnt, Schreibweisen mit Binnen-I empfohlen, dritte Klotüren installiert. Es scheint, als habe der Kampf um die korrekte Bezeichnung und die Rücksicht auf Fragen der Identität alle anderen Kämpfe überlagert.
Robert Pfaller fragt sich in 'Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur', wie es gekommen ist, dass wir nicht mehr als Erwachsene angesprochen, sondern von der Politik wie Kinder behandelt werden wollen. Steckt gar ein Ablenkungsmanöver dahinter? Eine politische Strategie? Es geht darum, als mündige Bürger wieder ernst genommen zu werden - doch dann sollten wir uns auch als solche ansprechen lassen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.01.2018
Jens Bisky kennt den Kulturtheoretiker Robert Pfaller als zuspitzenden, anekdotenreichen Ich-starken Gegenwartsanalytiker. Wenn der Autor das Warnen vor Erwachsenensprache und die neoliberale Entsolidarisierung zusammendenkt, vor der Zerstörung des öffentlichen Raumes und der Veranchlässigung der sozialen Frage zugunsten von Identitätspolitik warnt und für Ironie und Distanz als Mittel gegen die Infantilisierung trommelt, spürt Bisky gleichermaßen notwendige Ideologiekritik und kulturkritisches "Professorenlamento". Ob sich aus der von Pfaller geforderten Gleichheit als Basis tatsächlich alles weitere ergebe, vermag Bisky nicht zu sagen. Den Nachweis, dass echte Solidarität durch radikale Sprachregelungswut oder auch Radikalfeminismus und dergleichen eher verhindert als befördert wird, bleibt ihm der Autor schuldig.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.01.2018
René Scheu hält den Philosophen Robert Pfaller für eine Art österreichischen Slavoj Zizek, angriffslustig, anekdotisch, nur weniger obszön, dafür lebenslustiger. Sünde statt Ungleichheit propagiert der Autor laut Scheu. Auch wenn der Rezensent der Meinung ist, dass Pfaller bei seinen Breitseiten gegen den Neoliberalismus und den linken Mainstream-Intellektualismus selber paranoid zu werden droht, lauscht er der "marxistischen Proletarier-Romantik" des Autors doch einigermaßen gebannt. Wenn Pfaller der um sich greifenden Infantilisierung mit Freud und Lacan, aber ohne Sloterdijk und Carlo Strenger zu Leibe rückt und die Benachteiligten und die Benachteiligungsprofiteure benennt, geht es Scheu allerdings mitunter allzu grob zu.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2017
Gerald Wagner lässt sich auf Robert Pfallers Thesen ein. Bei dem politisch unkorrekten verschwörungstheoretischen Potenzial des Textes kein ganz Leichtes, meint er, zumal der Autor empirisch eigentlich nichts zu bieten hat, Differenzierungen und Statistiken meidet und stattdessen lieber provoziert, so Wagner. Das Erregungspotenzial des Buches aber scheint ihm dennoch bemerkenswert und mutig. Immerhin basht der Autor fröhlich die Diversitätsverfechter. Leider kommt die vom Autor anvisierte Kapitalismuskritik darüber zu kurz, findet Wagner.
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