Roger Willemsen hat sich auf die Suche nach ehemaligen Häftlingen gemacht und fünf von ihnen ausführlich befragt: Zwei Russen, einen Palästinenser, einen Jordanier und einen Afghanen. Ihre Lebensgeschichten reichen vom Arbeiter, den die Taliban gefangen nahmen und an die amerikanischen Behörden verkauften, bis zum Sprecher der Gefangenen, dem ehemaligen Botschafter Afghanistans in Pakistan. Sie sprechen über ihren Lebensweg bis zur Gefangennahme, über Folter, Vergewaltigungen, Koranschändungen, Verhörtechniken, Strafsysteme, Isolierhaft, über mangelhafte Dolmetscher, undurchsichtige Medikamentenverabreichung, kollabierende Wachen, Traumatisierungen und psychische Defekte. Sie berichten, wie die Bilder des 11. 9. im Lager eingesetzt werden, unter welchen Bedingungen sich die Freilassungen vollzogen und in welchen Formen ihnen die Eingliederung in ein "normales" Leben unmöglich gemacht wird.
Als "oral history aus dem rechtlichen Niemandsland" würdigt Florian Klenk Roger Willemsens Gespräche mit fünf ehemaligen Häftlingen aus Guantanamo. Dass Willemsen nur erzählen lässt und keiner der Aussagen überprüft, stört den Rezensenten nicht. Schließlich habe die USA den Gefangenen keine Verbindung zu Al Qaida nachweisen können, warum sollten sie also Lügen erzählen? Zudem würden die Zeugen nicht geegn die USA polemisieren, sondern "minutiös" das Leben im Lager beschreiben. Manchmal lasse sich Willemsen zu "unnötigen Suggesitvfragen" hinreißen, kritisiert Klenk, ein "Dokument der Zeitgeschichte" bleibt dieser Band für ihn trotzdem.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2006
Christian Geyer scheint noch unentschlossen: Entweder das Buch kommt zu spät, oder es nimmt den Mund einfach zu voll. Dem Informationsgehalt und -stand nach datiert der Rezensent es ein paar Jahre zurück, "als diese Kritik noch etwas kostete". Roger Willemsens Emphase jedoch, so Geyer, sei diejenige des Aufklärers. Für Geyer unter Beachtung der "ermäßigten Maßstäbe" der vorliegenden Erkenntniskritik ein Ding der Unmöglichkeit. Vorwürfe gegen Guantanamo, wie sie Willemsen hier in Interviews mit Ex-Häftlingen zutage fördert, die durch Amnesty International vermitteltet wurden, gebe es schließlich genug. Heute gehe es um die Überprüfung solcher Lager-Berichte. Allerdings wäre der Rezensent nicht abgeneigt, das Buch als "weitere instruktive Anmerkung zu Guantanamo" doch noch zu würdigen, wenn, ja wenn da der Willemsensche Ton nicht wär, dies "Hoppla jetzt komm ich" - "selbst bei dieser Materie". Das, findet Geyer, geht entschieden nicht.
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