Der Köder
Roman

März Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783755000334
Gebunden, 234 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Eva Bonné und mit einem Vorwort von Neil Astley. Min ist eine junge Britin, die um die Erotik blassgelber Baumwollpyjamas weiß, nach Ananas in der Oper verlangt und eine männliche Putzkraft beschäftigt. Ihre Welt entwirft sie um eine Handvoll wenig begehrenswerter, aber umso anziehenderer Männer. Da sind ein übergewichtiger Tenor, ein alternder Katzenliebhaber und ein manikürter Musikwissenschaftler. Zur Teatime im Ritz, durch Londoner Parks spazierend oder beim Käsesandwich zum Lunch - Min zeigt sich als skeptische, aber doch ergebene Jüngerin heterosexueller Zweisamkeit. Die eigene Person, die Charakterstudien ihrer Freundinnen - alles ist mit Blick auf die Beziehung zum Mann entworfen: Sie arbeitet bei der BBC als Tontechnikerin und ist zwar verheiratet, doch ihr Mann George ist so unsichtbar, dass sie versehentlich das Licht ausschaltet, während er noch im selben Raum ist. Zum Glück hat sie ihre Freundinnen und Liebhaber, die sie ablenken. Jüngst wird sie etwa von einem international bekannten Opernsänger umworben. Gleichermaßen von ihm angewidert und angezogen, kreisen ihre Gedanken fortan darum, ob sie mit ihm schlafen soll oder nicht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.08.2024
Vor dem Erscheinen der Neuausgabe von Rosemary Tonks' Roman, wurden die letzten verbliebenen englischen Bücher für sehr viel Geld online gehandelt, weiß Nadine A. Brügger. Zum Einen ist das ein Zeichen für die unbestreitbare Qualität des Buches, zum anderen erhofften sich die Leser wohl auch Hinweise auf den mysteriösen Lebenswandel der Autorin, die sich in den Achtzigern völlig zurückzog und zu einer fundamentalistischen Form des Christentums konvertierte. Ihr Roman lässt nicht auf diesen Lebenswandel schließen, so Brügger, vielmehr fängt er die Atmosphäre im London der "Swinging Sixties" hervorragend ein. "Der Köder" ist, so Brügger, ein "Kaleidoskop" der Erfahrungen der dreißigjährigen Protagonistin Min, ihren Beziehungen, Partys, Freundschaften, ihren Selbstzweifeln. Für die Rezensentin transportiert Tonks in diesem rasanten Roman das Lebensgefühl jener Zeit und vieles ist, trotz all der Jahre die vergangen sind, auch für das Heute noch gültig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2024
Rezensent Tobias Döring rät, lieber die Gedichte von Rosemary Tonks zu lesen, um die Autorin wiederzuentdecken. Der von Eva Bonne übersetzte Kurzroman aus dem Jahr 1968 eignet sich nicht, meint er. Die szenisch-dialogische Erzählung aus Sicht einer Avantgarde-Tonkünstlerin, in der es laut Döring vor allem um die hedonistische Londoner Szene geht und um die vielen Affären der Erzählerin, langweilt den Rezensenten mit ihrem pointenversessenen Plauderton. Hinzu kommen schiefe Sprachbilder und nervende Weisheiten, kritisiert Döring. Das Buch findet er leider banal.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.07.2024
Die Geschichte um die Autorin dieses Romans ist ziemlich bizarr, weiß Rezensentin Anna Vollmer: Rosemary Tonks hatte nach sechs Romanen aufgehört mit dem Schreiben, wollte nicht mehr Teil des Londoner Literaturbetriebs sein und hatte - so zumindest das Gerücht - ihre eigenen Bücher verbrannt, weil sie sie als Fundi-Christin sündig fand. Deshalb hat es bis jetzt, zehn Jahre nach ihrem Tod, gedauert, bis es eine deutsche Übersetzung gibt, erfahren wir. Im Roman lesen wir von Min, die zwischen zwei Männern schwankt, Yoga macht und elektronische Musik produziert und durch das London der 60er Jahre wandert, eine Geschichte, die mehr auf Stimmung als auf stringente Handlung abzielt und die von Eva Bonné lebensnah übersetzt wird, meint Vollmer. Sie ist froh, dieses Buch mitsamt einem einordnenden Nachwort auf Deutsch entdecken zu können.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 27.06.2024
Die Autorin Rosemary Tonks schloss sich in den 1970er Jahren einer fundamentalistischen christlichen Gemeinde an und beschloss zunächst, alle ihre bisherigen Werke zu vernichten. Ein "Segen" ist es daher für Rezensent Ronald Düker, dass dieser Roman nun wiederveröffentlicht werden konnte. Düker schwärmt davon, wie Tonks Roman bereits 1968, als das Buch erstmals erschien, das neurotische Leben moderner Großstadtmenschen vorwegnahm. Tonks erzählt von einer Gesellschaft junger Menschen, die von Impulsivität und Ratlosigkeit geprägt ist, die aber nie vergaßen, das Leben glamourös zu genießen. Protagonistin ist Min, eine Tontechnikerin bei der BBC. In ihrem Freundinnenkreis geht es oft um Sex und es kommt oft zu eifersüchtigen Blicken, erzählt Düker. Gerade in diesem Neid erkennt Düker mit Faszination das, was man heute das "FOMO"-Syndrom nennt ("fear of missing out", die Angst, etwas zu verpassen) - und liest Tonks Buch damit wie für die heutigen "Millenials" geschrieben.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.06.2024
Mit "Der Köder" ist der wichtigste Roman der Lyrikerin und Londoner Sixties-Ikone Rosemary Tonks, übersetzt von Eva Bonné, auf Deutsch erschienen, weiß Rezensentin Katharina Teutsch. Dabei handelt es sich um die "Blaupause" für die amerikanische Kultserie "Sex and the City": Die Protagonistin Min, Radiojournalistin beim BBC, kann als gelangweilte Hausfrau gelten, deren Suche nach dem richtigen Leben im Falschen, schreibt Teutsch, mit viel Selbstironie und Slapstick-Humor portraitiert wird. Tonks' unterhaltsamer, an Schlagfertigkeiten reicher Text taugt der Rezensentin zufolge nicht "zum Entwicklungsroman", dazu fehlt die Tiefe. Doch allein schon das Nachwort des Lyrikverlegers Neil Astley, das Tonks' bewegtem Leben - sie änderte später ihren Namen, lebte in religiöser Abgeschiedenheit und verfiel dem Wahnsinn - nachgeht, macht Teutsch zufolge die Lektüre wert.