Für die Geschichtswissenschaft (auch oder gerade dort, wo sie mit der Methode der Oral History arbeitet) sind Zweifel an Methoden und Kritik von Quellen unerlässlich. Dass jede Geschichtsdarstellung fiktionale Elemente enthält, muss ständig bedacht werden. Wenn nun die Belletristik historisches Material benutzt, um historische Stoffe zum Leben zu erwecken, sollte mit ähnlicher Gewissenhaftigkeit ans Werk gegangen werden. Die Schriftstellerin Sabine Scholl geht in ihrem Essay der Frage, wie sich Geschichte schreiben lässt, akribisch nach und analysiert anhand von 13 literarischen Beispielen, wie dies tatsächlich gelingen kann. Kunst und Erinnerung werden einander dort gerecht, wo ästhetische Fragen und ethische Vorbehalte formbewusst miteinander verschränkt werden. Historische Zusammenhänge werden in Texten fiktional hergestellt. Autor*innen sollten sich sowohl der emotionalen Effekte, die ihre Arbeit auslöst, bewusst sein - wie auch der Emotionen, die beim Schreiben selbst entstehen und wirksam sind. Erzählen bedeutet in diesem Sinne, Dokumente und Berichte zusammenzutragen und nachzuerzählen, gleichzeitig aber die Lückenhaftigkeit und Fiktionalität des Erzählverfahrens zu reflektieren. Sabine Scholls Essay basiert auf Gesprächen, die mit den Autor*innen der behandelten Beispiele geführt wurden. Er liefert Einsichten in diese erprobten Schreibweisen und führt eine Typologie von literarisch gelungen erzählter Geschichte vor. Zugleich versammelt Scholl die grundsätzlichen Fragen, mit denen jedes erinnernde Schreiben sich auseinandergesetzt haben sollte, als Kompendium für Autor*innen.
Rezensent Oliver Jungen lernt von Sabine Scholl, was die sogenannte "Nach-Erinnerung" in der Literatur bedeutet. Dafür hat Scholl vierzehn Texte von Natascha Wodin über Inger-Maria Mahlke bis Ivana Sajko analysiert, um herauszufinden, wie diese Erinnerung (re)konstruieren, ohne die Vergangenheit tatsächlich erlebt zu haben. Dafür weicht die chronologische Erzählung Sprüngen, Brüchen und Wiederholungen und einem selbstreflexiven Text, fasst Jungen zusammen, der darin eine Kritik am Verständnis eines "kohärenten Erinnerungsprozesses" erkennt. Mit ihren "klugen Analysen" verdeutlicht Scholl dem Kritiker, wie literarische Texte auf unzuverlässige Erinnerung und Vielschichtigkeit in der Geschichte verweisen und so den Glauben an eine einzig wahre Geschichte widerlegen.
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