Von den direkten Gezeiten über die küstennahe Kontinentalschelfzone, von der Oberfläche des offenen Meeres bis hinab in dessen tiefste, kaum erforschte Bereiche bringen sie mit ihren ungeheuer reizbaren, "wie Hirnmasse in Häute verwandelten Leibern" nicht nur das Wasser zum Leuchten: Quallen. Seit Menschengedenken entziehen sich die Medusen jeglicher Festschreibung. Sie winden und wandeln sich wie organisiertes Wasser in den sie umströmenden Wellen und lassen die Imagination Funken sprühen. Doch gleich, ob als Störfaktor oder Symbol des Digitalen und Immersiven, als gestalterische Idee des Art Déco, als rückgratloses Schreckbild, Alien des Meeres, queeres Wappentier oder alarmistisches Emblem eines radikalen Wandels, bei dem selbst Wissenschaftler:innen mitunter an ihre Grenzen stoßen - Quallen, so zeigt Samuel Hamen in diesem schillernden Portrait, zucken nicht mit Wimpern, sondern mit Tentakeln, die je nach Art schon bei flüchtigem Kontakt starke Verbrennungen verursachen können. Wer es dennoch wagt, ihren Schwebebewegungen zu folgen, dem offenbart sich ein Einblick in die früheste Erdgeschichte wie auch in alle erdenkbaren Zukünfte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 18.06.2022
Rezensentin Andrea Gerk verfolgt gerne, wie Samuel Hamen in seinem Buch dem Lebewesen Qualle nachgeht, zwischen den "Modi" von Angst oder Ekel einerseits und Faszination andererseits. Denn auch wenn ihm die Berührung mit einer Qualle einmal den Urlaub "verhagelte", wie Gerk liest, so schreibt er hier doch für die Kritikerin Interessantes zur wissenschaftlichen Quallenforschung ab dem 18. Jahrhundert, die bis heute von dem lungen- und gehirnloser Organismus fasziniert ist, zur kulinarischen Verarbeitung in Asien in Form von Suppe oder Chips, und auch zum neuesten Interesse an der Qualle von Seiten von Kunst und Literatur: als Symbol für fluide Identitäten gelte die Qualle hier mittlerweile, liest die Kritikerin, die gut unterhalten wirkt.
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