Sarah Kirsch

Der Sommer fängt doch so an!

Tagebuch 1990
Cover: Der Sommer fängt doch so an!
Steidl Verlag, Göttingen 2023
ISBN 9783969992616
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Zu Hause oder auf Reisen, Sarah Kirsch schrieb Tagebuch. Früh morgens, zwischen fünf und sechs, kocht sie sich "Koffie" und füllt ihre Kladden, berichtet Persönliches und Politisches, Triviales und Tragisches. Das Radio bringt die Nachrichten ins schleswig-holsteinische Idyll am Eiderdeich - in dem Kirsch seit 1983 mit Sohn, Partner, Hund, Katzen, Esel und einigen Schafen lebt - und veranlasst die Dichterin zu schonungslosen und besorgten Kommentaren. Sie hält fest, was in der Welt und in der Natur vor ihrem Fenster los ist: Frost im Frühling, grasende Ringeltauben, eilig fahrende Wolken bei Windstärke 6, Ausschreitungen in Rumänien, die Unabhängigkeitsbestrebungen Litauens, die Regierungsbildung in der DDR, das Fährunglück zwischen Dänemark und Norwegen. Misteldrosseln und Militärkolonnen - auch hier gilt, was Iris Radisch über Sarah Kirschs Wendetagebuch Ich will nicht mehr höflich sein schrieb: "steht das große Welttheater gleichrangig neben dem kleinen Provinztheater in Tielenhemme".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.06.2024

Rezensentin Iris Radisch ist schon längst süchtig nach den Tagebüchern Sarah Kirschs und hofft, dass nach dieser Ausgabe noch viele weitere aus dem Nachlass der Schriftstellerin veröffentlicht werden. Den unvergleichlichen "Mix aus Himmel, Sound und Stoizismus" findet sie auch hier in den Aufzeichnungen des Jahres 1990. Politisch geht es drunter und drüber, Kirsch ist eigentlich total genervt von der Politik und beschäftigt sich lieber mit ihrem Sohn, der Natur und ihrem Esel. Viel lieber wäre die Autorin "Vollzeit-Eremitin", so Radisch, das politische Schlamassel zwingt sie jedoch immer wieder, sich mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen. Auch mit der Gelassenheit klappt es nicht so gut, vor allem, wenn sie ihre Kollegin Christa Wolf im Fernsehen über die DDR sprechen hört. Radisch wartet auf jeden Fall mit Spannung auf mehr von diesem Lesestoff.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2024

Rezensent Tobias Lehmkuhl verweilt gern für diese kurze Tagebuch-Lektüre mit Sarah Kirsch hinterm Deich, bei Katzen, Schafen und Blumen. Während 1990 in Deutschland und der Welt einiges vorgeht, freut sich Kirsch über ihren Garten, schert sich wenig um deutsch-deutsche Verhältnisse und nur ein bisschen um Christa Wolf und den PEN. Mehr braucht es laut Lehmkuhl auch nicht. Der Dichterin bei ihrer Weltflucht zuzusehen, ist schon Glück genug, findet er.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.12.2023

Rezensent Jürgen Verdofsky ist froh, noch einmal Sarah Kirschs "gewitzter Lebensklugheit" zu begegnen in diesen Tagebüchern der Wahl-Dithmarscherin Kirsch von März bis Oktober 1990. Für Kirsch eine wichtige Zeitspanne, umfasst sie doch die ersten freien DDR-Wahlen und den Vereinigungstag. Verdofsky spürt, wie sich Kirsch noch einmal mit ihrer und mit der Geschichte ihres Landes befasst, aber immer mit Seitenblicken und Exkursen, apropos und vor allem phonetischer Eigenart à la "Menscher" und "Ich loch müch kronk". Entwaffnend findet der Rezensent auch, wie hier später in den Prosabänden Geschliffenes schon diamanten aufblitzt und wie Kirsch nichts Weltbewegendes entgeht, aber auch nicht das Leben der Schafe am Deich und der Flora. Nicht zuletzt erzählt der Band auch von der verglimmenden Freundschaft zu Christa Wolf, so Verdofsky.

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