Walzer für Niemand
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN
9783462003246
Gebunden, 192 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Ein Aufwachsen mit dem Zauber und der Kraft der Musik - und die Geschichte einer Freundschaft, deren Innigkeit zerstörerisch ist. Ein Mädchen und ihr bester Freund Niemand. Als Kinder von Militärattachés ist ihr Aufwachsen geprägt von ständigen Ortswechseln. Vom Rhythmus der Musik getragen erleben sie Magie und Erschütterungen von Kindheit und Jugend. Am glücklichsten sind sie, wenn sie sich in ihrer Plattensammlung verlieren, wenn sie im Atlas die Welt nach Bandnamen neu kartografieren, wenn sie im Klavierunterricht Dezibelangaben herausbrüllen oder in Songs die Sätze finden, die schon immer in ihnen gelauert haben. Sie verstecken sich in der Musik und werden von ihr versteckt, aber immer haben sie einander.Doch dann bekommt die Freundschaft Risse. Während Niemand eine Obsession für die Volkskunde der Walserinnen entwickelt, von denen die Erzählerin abstammt, und während sie selbst erste eigene Lieder schreibt, bahnt sich eine Katastrophe an.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 26.04.2025
Rezensentin Wiebke Porombka freut sich über den Debütroman der Musikerin Sophie Hunger, der auf sehr musikalisch-poetische Weise die Themen Einsamkeit, Künstlertum und Freundschaft erkundet. Die Protagonistin ist Diplomatentochter, ebenso ihr bester Freund mit dem symbolisch aufgeladenen Namen "Niemand", mit dem sie die Welt der Schallplatten entdeckt: Die Nadel des Plattenspielers ähnelt "einer sacht geöffneten Körperstelle" und ist dabei "empfindlich wie eine frische Wunde", zitiert Porombka. In kreisenden Bewegungen erzähle Hunger dabei, wie ihre Protagonistin auf ihrem Weg ins Künstlerdasein mehr und mehr den Kontakt zu ihrem Freund verliert, was sich sehr sinnlich lese. Interessiert liest Porombka auch jene Passagen über das Bergvolk der Walserinnen, von denen die Figur abstammt, und die typografisch abgesetzt eine weitere Ebene dieses vielschichtigen Romans öffnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.04.2025
Gespannt liest Rezensent Stefan Michalzik den Debütroman der Schweizer Musikerin Sophie Hunger, dessen Handlung die ein oder andere Parallele zu ihrem Leben aufweist: Die Protagonistin und ihr Jugendfreund "Niemand" wachsen in Diplomatenfamilien auf, ziehen immer wieder um, haben eigentlich nur einander. Sie verständigen sich über Musik, zwischen Nina Simone und Richard Wagner ist alles dabei, erfahren wir, sie lieben sich, aber alles Körperliche wird auf merkwürdige Art und Weise ausgeklammert. Einen weiteren Erzählstrang widmet Hunger dem mystifizierten Bergvolk der Walserinnen, von dem auch die Protagonistin abstammt. So liest Michalzik das Buch auch als Künstlerroman, der voll von Verweisen und musisch komponierter Sprache ist, ohne damit zu überladen zu wirken, wie er schließt.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 12.04.2025
Die Musikerin Sophie Hunger verwebt in ihrem ersten Roman auf sprachlich anspruchsvolle, manchmal verwirrende, immer poetische Weise ihre eigenen Songs mit der Handlung um die Erzählerin und ihren einzigen Freund namens Niemand, lobt Rezensentin Nina Hurni. Die beiden leben zunächst in Spiegel bei Bern, erfahren wir, als Diplomatenkinder ziehen sie oft um, die Konstante in ihrem Leben ist die Musik, vieles davon deckt sich mit Hungers Lebensgeschichte, so Hurni. Die Figur des Niemand sei nicht nur wegen des Namens rätselhaft, er sei an- und abwesend zugleich, konstituiere sich wie die Erzählerin oft erst im Musizieren, aber auch in seinen Nachforschungen über das Schweizer Bergvolk der Walserinnen. In diesem Roman zählt der Klang mehr als die Erklärung, erklärt Hurni, für die das Buch "ein sprachlich einzigartiges Werk" über Musik ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.03.2025
Zum Leben wie zum Erleben zieht die Erzählerin in Sophie Hungers Roman die Musik der Geschichte vor, erklärt Rezensent Ueli Bernays. Während die Geschichte ihre Protagonisten und Rezipientinnen auf direktem, logischem Weg vom festgelegten A zum festgelegten B zwinge, lasse die Musik Freiraum für mäandernde Gedanken etwa, für Zufälle, Um- und Neuwege. Diese Nähe zur Musik, welche die Protagonistin wie vieles andere mit ihrer Autorin teilt, wirkt sich auf ihren Lebensweg aus, hat aber auch für die Erzählweise interessante Konsequenzen, stellt Bernays fest. Hunger gibt sich, wie Bernays es formuliert, dem "Wellengang ihrer Erinnerungen" hin, lässt diesen Erfahrungen und Gedanken anspülen, aus denen sich sukzessive eine zu großen Teilen konsistente Handlung zusammensetzt. Aus diesem Treibgut erwachsen im Laufe des Romans Leitmotive wie zum Beispiel der Gegensatz zwischen Scham und Stolz, lesen wir. Als Symptom dieses Gegensatzes beschreibt die Erzählerin auch einmal ihre "prätentiöse Formulierungssucht", von der leider auch die Autorin nicht ganz befreit ist, so Bernays. Zudem stört den Rezensenten das unbestimmte, farblos bleibende "Du" im Text und dessen Exkurse, die zwar teils des Witzes nicht entbehren, aber den Erzählfluss hemmen. Dennoch ist "Walzer für Niemand" ein gelungenes Debüt voll "subversivem Geist und anarchischem Witz", lobt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.03.2025
Kritikerin Christiane Lutz trifft sich mit Musikerin und nun Autorin Sophie Hunger in Zürich, um über ihren ersten Roman zu sprechen: Zwei Diplomatenkinder treffen für eine bestimmte Phase ihrer Jugend aufeinander, die zusammen die Musik von Nina Simone bis Bruce Springsteen entdecken. Die beiden vereint der Hunger nach "Sätzen, wie Sprungbretter oder Abschussrampen", lesen wir. Musik werde im Roman als körperliche Erfahrung geschildert, auch die Sprache sei sehr rhythmisch-melodisch. Für Hunger kommen Songtexte und Roman aus der gleichen Quelle, versichert Lutz, es gibt auch einen mit dem Titel gleichnamigen Song, der allerdings schon vor zwanzig Jahren geschrieben wurde. Sowohl für Hungers Geschichtenreichtum als auch für die Romanhandlung sind außerdem die "Walser" wichtig, wie Lutz erklärt, eine alemannische Volksgruppe, die sich vor langer Zeit trotz widriger Umstände in den Graubündner Bergen angesiedelt haben. Hunger stammt nach eigenen Aussagen von ihnen ab, was die Kritikerin ihr sofort glaubt, angesichts ihrer fast mythischen Durchhaltekraft. Der Roman sei eher atmosphärisch denn handlungsgetrieben, schließt die Rezensentin.